Die Geisterjägerin

- Mit einem ausladenden, umständlichen Klapparatismus rückt die mollige, mit rosafarbenem Schleiferl gezierte Amerikanerin den Gespenstern zu Nicht-Leibe. Die "Geisterjägerin" ist mit sonniger Fröhlichkeit und nicht ermüdender Zähigkeit in dem Wüsten-Kaff Austin unterwegs. In dem abgewrackten "Hotel International" will sie in dunklen Hinterzimmern die körperlosen Wesen auf Fotos bannen.

<P>Ellen, die Deutsche, die mit ihrem Freund Felix gerade einen USA-Trip macht, beobachtet diese Aktivitäten mit wacher Neugier. Ganz im Gegensatz zu Felix, der stets apathisch ist. Erst als Buddy im Saloon erscheint, ein Bursche, der nie aus Austin herausgekommen ist, der aber das Leben in seiner natürlichsten Klarheit verkörpert, wacht Felix auf. Auch für Ellen ändert sich einiges; obwohl der Ort ausgestorben ist, als sie am nächsten Morgen wegfahren. Nichts als Gespenster - von Felix bis zu Buddy?</P><P>Judith Hermann (Jahrgang 1970) legt jetzt nach ihrem Erstling "Sommerhaus, später", der 1998 sie zum Szene-Liebling machte, einen Band mit sieben längeren Erzählungen vor, der als Titel "Nichts als Gespenster" trägt. Sie wählt jeweils Figurenkonstellationen von zwei, drei, maximal vier Hauptpersonen. Setzt sie in ihre literarischen Versuchsanordnungen, wie es Goethe bei seinen "Wahlverwandtschaften" tat. Die Autoren-Strategie: Was passiert in einem bestimmten Umfeld, wenn eine neue, fremde Kraft auf die ursprüngliche "chemische" Verbindung einwirkt? Zwei Freundinnen, innigst verbunden. Die eine verliebt in ihren Schauspieler-Kollegen. Die andere lässt sich von ihm verführen.</P><P>Am Ende gibt's weder Liebe noch Eros - nur Verrat. Anders als Goethe interessiert sich Judith Hermann aber nicht für die Tragödie. Ihre Experimente führen nicht zur Explosion, zur gefährlichen Kettenreaktion. Die Autorin schildert lieber geduldig, subtil, humorvoll und analytisch beobachtend die kleinen Wandlungen in Menschenseelen, Lebensabläufen, Atmosphären. </P><P>Ohne psychologistisches Brimborium charakterisiert sie pointiert die Figuren, mit besonderem Augenmerk auf den Frauen. In Hermanns Welt sind sie die Aktiveren. Die Lebendigeren. Sie nehmen die Umgebung, ob menschlich, ob topografisch, genau wahr. Und so sind es auch die Orte von Berlin bis Karlsbad, von Venedig bis Tromsø, die die Versuchsanordnungen prägen. Das gelingt nicht immer so schön wie bei der zerfleischenden Hitze Austins (Nevada) oder der märchenhaften Bläue im ländlichen Olufsbudir (Island). Venedig und Karlsbad sind dagegen zu sehr den Tourismus- oder Film-Klischees verhaftet. </P><P>Dennoch ist es eine Lesefreude zu verfolgen, wie die Schriftstellerin ausschließlich im Alltagsraum Stimmungen erzeugt, Beziehungs-Gespinste des Ichs zu sich selbst und zu den Anderen knüpft und emotionale Gemengelagen ins Rutschen bringt. Alles bleibt stets im Üblichen, das aber ist bei Judith Hermann unglaublich spannend.</P><P>Judith Hermann: "Nichts als Gespenster". S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 318 Seiten, 17,90 Euro. Ab 31. 1. im Handel. Die Autorin liest am 20. 2. im Neuen Haus der Münchner Kammerspiele.<BR><BR></P>

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