Florian Boesch als Graf (Florian Boesch) mit Cristina Pasaroiu als Gräfin.
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Handgreiflich wird der Graf (Florian Boesch) gegenüber seiner Frau (Cristina Pasaroiu).

Promi-Regisseur im Theater an der WIen

Geisterpremiere: Kabarettist Alfred Dorfer inszeniert mit Mozarts „Le nozze di Figaro“ seine erste Oper

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Schon wieder erprobt sich ein Fachfremder in der Oper: Kabarettist Alfred Dorfer sieht Mozarts „Figaro“ durch die Brille eines Grafen in der Midlife-Crisis.

  • Kabarettist Alfred Dorfer inszeniert in Wien „Le nozze di Figaro“ und holt sich dazu als Verstärkung eine Regisseurin.
  • Das Theater an der Wien kann die Produktion nur als Stream-Premiere herausbringen.
  • Eine detailliert gearbeitete Produktion, in der es kaum Komik und kein Augenzwinkern gibt.

Selbstsicher sieht anders aus. Die Macht des Hausherrn bröckelt, auch die Persönlichkeit zeigt Risse bis Spalten. Und als die Gattin mit einer Ohrfeige Morgenluft wittert, weiß sich der Graf nur mit einem alten standesgemäßen Mittel zu wehren – mit einer Vergewaltigung, die jedoch gestört wird. Florian Boesch, den gern körperdampfenden Bariton, kennt man gar nicht so: als Darsteller einer verkniffenen, dauerirritierten Figur, deren Berlusconi-Haaransatz sie zur Macho-Karikatur macht.

„Le nozze di Figaro“: Der Titel führt etwas in die Irre. Alfred Dorfer interessiert sich in seiner ersten Opernregie weniger für den Kammerdiener, sondern für dessen Chef. Überhaupt spielt weniger die feudale Hierarchie eine Rolle, sondern eine auch in der Entstehungszeit folgenschwerere, mit ebensolchem revolutionärem Potenzial aufgeladene: die zwischen Mann und Frau. Beim Schauspiel hat sich der österreichische Kabarettist schon in den Regiestuhl gesetzt, für Mozart holte er sich Kateryna Sokolova ins Boot. Sie sei, so Dorfer, für den „Nahkampf“ zuständig, er sehe sich eher „auf dem Feldherrnhügel“. Auch so eine Hierarchie.

Das Theater an der Wien hat schon wieder Corona-Pech

Das Theater an der Wien, Schauplatz dieser Premiere, hat schon wieder Pech. Vor einigen Monaten wollte man mit Beethovens „Fidelio“ in der Regie von Christoph Waltz Aufmerksamkeit erregen, beim nächsten eher opernfernen Promi dasselbe Spiel: Die Produktion konnte zwar zu Ende geprobt werden, die Premiere gab’s aber nur als Geisterspiel fürs Netz. Dorfers „Figaro“ wurde am Sonntagabend auf ORF III und per Klassikplattform myfidelio.at gestreamt. Live-Aufführungen sind geplant.

Kateryna Sokolovas „Nahkampf“-Inszenierung hält den Großaufnahmen mühelos stand. Vieles ist genau, fast filmisch-spannend gefeilt. Komik findet in dieser, Corona-bedingt gekürzten Version von Mozarts Opera buffa kaum statt. Es ist ein düsteres Grafen-Endspiel, das sich Augenzwinkern verbietet: In einer fast leer geräumten Altbauwohnung begegnen sich schick gewandete Typen von heute (Ausstattung: Christian Tabakoff) auf Augenhöhe und wie im entblößten Umfeld. Susanna ist weniger Dienerin, sondern beste Gräfinnen-Freundin mit Herrschaftspotenzial. Einzig der Graf trägt steifen Loden und wirkt wie aus der Zeit gefallen. Man scheint die Mottenkugeln im Sakko fast zu riechen.

Kabarettist Alfred Dorfer.

Immer wieder verbiegen Dorfer/Sokolova die Realität mit Visionen des Grafen – der in Cherubino oder Figaro so etwas wie Idealmänner imaginiert, die er nie erreichen kann. Dass sich dabei auch Wände verschieben und Aktionsräume verkleinern, erfährt man per Bildschirm nur ungenügend und wirkt hier etwas unschlüssig: Für das überwölbende Konzept des Regie-Duos braucht’s einfach die echte Aufführung.

Dirigent Stefan Gottfried auf Nikolaus Harnoncourts Spuren

Auch für Stefan Gottfried am Pult des Concentus Musicus. Dass er die Erkenntnisse seines Lehrmeisters und Mentors Nikolaus Harnoncourt eingeatmet hat, hört man. Auch Gottfried bricht immer wieder Grundtempi auf, liebt Hervorhebungen, Widerständiges, ist aber dabei viel weniger radikal. Manchmal klappt es mit der Abstimmung zur Bühne nicht ganz, wenn ein Sänger wieder mal den Mozart-Crooner gibt.

Florian Boesch, der die Almaviva-Arie zwar auf der Felge beendet, ist weniger manieriert als sonst und feiner, eindrücklicher in den Nuancierungen. Robert Gleadow bietet als Figaro mit offenem, kernigem, leicht ansprechendem Bassbariton und eine Spur zu überdreht das Kontrastmittel. Cristina Pasaroiu (Gräfin) und Giulia Semenzato (Susanna) wirken sehr natürlich im Erfühlen ihrer Partien. Aufhorchen lässt Patricia Nolz als Cherubino: Die Stimme drängt nach mehr – zunächst einmal nach einer dringend notwendigen Live-Wiederaufnahme.

Aufzeichnung
auf myfidelio.at.

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