Geistesklarheit

- Zwei große Linien der symphonischen Tradition im deutschen Sprachraum haben Musikwissenschaftler sehen wollen: Eine "intellektuell-analytische" von Haydn über Beethoven zu Brahms, die im Ringen mit ihrem thematischen Material die musikalische Wahrheit herauszwingt, und eine gefühlsbetonte, "assoziative" Linie Mozart-Schubert-Bruckner, die Schönheit vornehmlich aus der Überfülle ihrer melodischen Erfindung schöpft. Gustav Mahler würde da - er war ein Schüler Bruckners - zum Lager der Melodiker zählen, so eine Art Urgroßneffe Joseph Haydns also.

Im achten Abonnementkonzert der Münchner Philharmoniker im Gasteig wurden die beiden fernen musikalischen Verwandten einander vorgestellt - eine spannende Begegnung. Mahlers Vierte Symphonie nämlich atmet, klassizistisch schlank und thematisch konzise gearbeitet, sehr viel gerade vom Geiste Haydns. Ivan Fischer am Pult hielt die Philharmoniker zu solcher Geistesklarheit an: leichtes, feines Musizieren, kein Auskosten letzten Mahler'schen Pathos-Potenzials, kein grelles Karikieren. Organisch flossen Bläser und Streicherlinien zusammen, ein filigranes Klanggespinst, "wie ein Naturlaut". Martina Jankova sang im Finale "vom himmlischen Leben" mit zarten, leuchtenden Farben, war aber im bewegteren Mittelteil kaum zu hören - dennoch war der Mahler eine runde Sache.<BR><BR>Zwiespältiger hingegen Haydns Symphonie Nr. 102 B-Dur: Ihr bekam gerade die Fähigkeit der Philharmoniker nicht gut, die Instrumentengruppen perfekt zu einem Gesamtklang zu mischen. Bei Haydn aber, dem Querdenker, dem Hakenschläger läuft ein solcher "ganzheitlicher" Ansatz Gefahr, die Geistesblitze, die Mini-Dramen, die Einbrüche des Bedrohlichen in dieser großartigen Musik rokoko-betulich zu nivellieren. So verdienstvoll es ist, Haydn wieder ins Repertoire der großen Symphonieorchester zurückzuholen - mancher mag sich an diesem Abend nach dem aufgerauten Klang von Darmsaiten und den sehnigen Akzenten von Natur-Trompeten gesehnt haben. <BR>

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