Geistige Blickwinkel

- Bei Zyklen und Variationen, spartanischen Stillleben und fragilen Zeichnungen denkt man nicht gerade an Leidenschaft und packende Breitenwirkung. Doch dann kommt man in die Graphische Sammlung in der Münchner Pinakothek der Moderne und wird magisch angezogen von einer Wand voller roter Bäume.

Karl Bohrmann (1928-1998) hat hier die Leuchtkraft einer Farbe, die Faszination der Einfachheit und die Lyrik von Flächen inszeniert. Windgebeugte Baumreihen, ausladende Kronen sind auf satt rotem Papier, collagiert mit fein gesprenkelten Blättern, in Ölkreide festgehalten. Jedes Bild eine Entdeckung, die Varianten eine Bereicherung: Bohrmanns Blickwinkel sind geistige.

Die Schlichtheit der Sprache und die Wucht der Konzentration machen diese Arbeiten von 1996 aus. Sie erinnern an Scherenschnitte, widerborstige Radierungen, feine asiatische Grafiken. Aber es sind hundertprozentige "Bohrmanns", gezeichnet für die Ewigkeit und doch nur sinnfrohe Eindrücke eines Zustandes zwischen Ideal und Momentaufnahme.

Schon 1997 gab es in der Neuen Pinakothek eine Bohrmann-Ausstellung. Ansonsten war es eher ruhig um die fotografischen, malerischen und grafischen Talente des Künstlers. Keine Skandale, keine schillernde Vita sorgten für Aufsehen: Bohrmann studierte unter Willi Baumeister in Stuttgart, verbrachte prägende Jahre von 1959-72 in München, lehrte Aktzeichnung an der Frankfurter Kunsthochschule und musste sich später krankheitsbedingt auf das kleine Format beschränken ­ ohne seine Produktivität zu verlieren.

Aus dieser Phase sind die meisten der Zeichnungen in München. Einen Teil davon schenkte Borhmann der Graphischen Sammlung.

Neben den "Roten Bäumen" scheinen die Stillleben und Akte zu verblassen. Doch schon die silbriggrauen Baumvariationen bieten den Einstieg in die ruhigeren, nicht minder spannenden Arbeiten. Die Akte der 90er-Jahre scheinen flüchtig wie ihre Bewegung, doch sie zeigen ein Thema auf: das Einspannen in den Raum, das Machtspiel zwischen Fläche und Linie.

Nicht selten sind die Körper getragen von Farbflächen, die Vorder- und Hintergrund auf eine Ebene bringen. Zartheit und Klarheit bilden den Spannungsbogen der Figur. Ölkreide und Aquarell setzen Akzente und verwaschen gleichzeitig die Grenzen, bringen das Licht des Papiers, das Poröse des Materials, das Zerbrechliche der sonst traumwandlerisch sicheren Kompositionen zur Geltung.

Bohrmann charakterisierte das so: "Die Zeichnung erinnert uns an das Faktum des Wandels, der Fragilität unserer Gewissheiten, der Unmöglichkeit, Stabilität oder gar Dauer zu gewinnen."

Bis 25. Februar, Katalog: 28 Euro. Tel. 089/23 80 5360.

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