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Der Latein-Leistungskurs K 12 des Planegger Feodor-Lynen-Gymnasiums lässt sich von Kurt Hille über (v.li.) ein römisches Räuchergefäß, einen „Samowar“, Speisewärmer und Leuchter (Dreifuß plus Feuerbecken) aufklären.

Geiz war überhaupt nicht geil

Zu der herrlichen Ausstellung „Luxus und Dekadenz“ in der Archäologischer Staatssammlung München gehört auch eine einfallsreiche Vermittlungsarbeit – vom üppigen Museumsladen bis zur Führung auf Lateinisch.

„Im Grunde ist die Idee ganz einfach: Römische Exponate werden in römischer Kleidung und in lateinischer Sprache präsentiert“, erklärt der pensionierte und passionierte Bremer Lateinlehrer Kurt Hille das Konzept seiner Führung durch die Schau „Luxus und Dekadenz. Römisches Leben im Golf von Neapel“ in der Archäologischen Staatssammlung in München. Dass diese Rechnung aufgeht, merkt man, wenn man den Latein-Leistungskurs K 12 des Planegger Feodor-Lynen-Gymnasiums und ihre Lehrerin Gabriele Haug beim Gang durch die Räume begleitet. Schon der Auftakt der circa 90 Minuten langen Führung belegt, dass hier nicht das übliche Muster abläuft.

Hille stellt sich als einfacher armer Römer in der Tunika (heutzutage auch bekannt als weißes XXL-T-Shirt) vor die Statue des Marcus Nonius Balbus und lässt sich von den Schülerinnen Sophia und Julia die Toga umlegen. Beim Ordnen des Faltenwurfs an dem glatten Stück Stoff und beim Vergleich mit der sorgsam gefältelten Toga der Statue begreifen die sieben Lateinschüler den Marmor erst recht. Nun verstehen Julia, Nina, Sophia, Florian, Marcel, Maze, und Michael, was die regelmäßige Fältelung eines solchen Gewands bedeutet. Balbus, der vornehme Herculaneer, trägt seine Toga nach der neuesten Mode und braucht zum Anziehen täglich mindestens eine Stunde und einen Sklaven – wenn nicht zwei. Er muss seinen Kleidersklaven auch ständig dabeihaben, da die Falten bei jeder Bewegung zu verrutschen drohen und immer wieder neu geordnet werden müssen.

Wie zieht man eine Toga korrekt an? Kurt Hille zeigt es den Schülern. Bei der Balbus-Statue sitzen die Falten perfekt.

Hille hat sein Ziel erreicht: Die Klasse sieht den cives togatus (den Bürger in Toga) zum ersten Mal richtig an. Sie erkennt die Perfektion in der Kleidung, die einem heutigen Armani-Maßanzug in nichts nachsteht. Von dieser Betrachtung des reichen Römers folgt Hille dem Besucherpfad in das kleine schwarze Kabinett, in dem die Sklavenfessel liegt: ein Metallrechen mit zahlreichen Zinken, in die die Füße von mehreren Sklaven durch eine durchgezogene Stange eingeschlossen werden konnten: hart, grausam, kompromisslos. „Ein Prozent (centesima pars) der römischen Bevölkerung war sehr reich“, so Hille. „90 Prozent waren arme Leute und Sklaven, und der Rest bildete die gut situierte Schicht.“ Da begreift die Klasse, dass Luxus für die Römer nur auf dem Rücken der Sklaven möglich war. Der Bremer vermittelt auch, wie sich die Werte der römischen Gesellschaft im Verhältnis zu heute umgekehrt haben. Die Römer stellten zum Beispiel ihre Geldtruhen (arca) ins Atrium, also in den Besucherraum, damit alle den Reichtum des Gastgebers sehen konnten. Ein Wohlstand, der nur im Verborgenen blüht, wie ihn das moderne Understatement verlangt, wäre den alten Römern als Wahnsinn erschienen. Auch das Verhältnis zum Luxus an sich hat sich von der Antike zu heute um 180 Grad gedreht: Im Lateinischen bedeutet das Wort „luxuriosus“ „ausschweifend, verschwenderisch, üppig und geil“, heute dagegen werde mit der Werbung „Geiz ist geil“ gerade die gegenteilige Botschaft vermittelt. Hille erklärt dem Kurs die Exponate unter einem neuen Vorzeichen. Es geht nicht darum, die simplen Angaben „Statue eines Mannes, Marmor, 1. Jhdt. n. Chr.“ zu wiederholen, sondern die Ausstellungsstücke werden in Bezug zu unserer Zeit gesetzt und als Beispiel für das antike Werte- und Normensystem begriffen.

Mit dieser Vorgabe zeigte er die Schau bereits an die hundertmal in Bremen rund 2000 Besuchern. Als die Exposition nach München weiterzog, folgt Hille ihr. Einmal im Monat kommt er für eine Woche in die Lerchenfeldstraße, wohnt im Gästezimmer des Museums und gibt täglich seine lateinischsprachigen Führungen; werktags für Schulklassen, sonntags für alle. Bisher waren es ungefähr 1000 Besucher. Insgesamt über 50 000 Besucher sahen bis jetzt „Luxus und Dekadenz“. Dabei hat der Lateiner natürlich einige Tricks drauf, mit denen er seine Sprache auch denen verständlich macht, die das große Latinum schon 30 Jahre hinter sich haben und sich nur noch an wenige Brocken erinnern. Kurt Hille benutzt Hauptsätze und verzichtet gänzlich auf die im Lateinischen so beliebten Nebensatzkonstruktionen. Außerdem verwendet er fast ausschließlich das Präsens und gleicht die Wortstellung der deutschen Sprache weitgehend an. So muss der Hörer nicht lange auf das Verb warten und versteht den Text eins zu eins.

Und: Hille gebraucht neue Wortschöpfungen. Die Souvenirs, die Cicero sich aus Griechenland schicken ließ, sind einfach die statuae memoriales und das Merchandising nennt er die strategemata vendendi (Verkaufsstrategien). Es gibt im Grunde nichts, was sich auf solche Weise nicht leicht ausdrücken ließe. Und die Schüler, die das Museum ein wenig zögerlich betreten haben, fressen ihm spätestens nach der Vorstellung mit der Toga aus der Hand.

von Hildegard Lorenz

Informationen

Ausstellung: bis 30.8. Hille-Führungen für Klassen 14.-17.7., außerdem 19.7., 11.30/14.30 Uhr; sonstige Führungen So. 11/14 Uhr, Tel. 089/21 12 44 68; Führungen für Klassen vom Museumspädagogischen Zentrum : Tel. 089/ 23 80 52 96, www.mpz. bayern.de

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