Die geklonte Ehefrau

- "Machen Sie, was Sie wollen. Ich wünsche mir nur ein Stück für diesen Raum und für 350 Jahre Münchner Operngeschichte." So ähnlich, so simpel hat es Intendant Peter Jonas dem Komponisten gegenüber formuliert. Und der hat erst mal "geschluckt", fühlte sich gar "erschlagen" von der Übermacht des unerreichbaren Vorgängers: Wer kann schon gegen Mozarts "Idomeneo", ebenfalls uraufgeführt im Cuvilliéstheater, bestehen?

<P><BR><BR>Drei Jahre ist es her, dass Jörg Widmann von der Bayerischen Staatsoper den Kompositionsauftrag erhielt. Drei Jahre des Ertastens ("Ich habe mich oft ins leere Theater gesetzt, um es zu spüren"), der bei Widmann typischen, fast manischen Arbeit, die in eine intensive, für ihn beglückende Probenphase mit einem Ideal-Ensemble mündete: "Es war zum ersten Mal, dass ich in der ersten Probe das Gefühl von absoluter Richtigkeit hatte."<BR><BR>Mit der Oper "Das Gesicht im Spiegel" (Premiere am 17. Juli) bekennen sich Widmann und sein Librettist Roland Schimmelpfennig zur klassischen Erzählform. Thematisiert wird höchst Aktuelles: Gentechnik, das Klonen von Menschen - und die fatalen Auswirkungen. Das Unternehmer-Ehepaar Bruno und Patrizia wittert in der Erfindung des Biotechnikers Milton finanziellen Erfolg. Patrizia wird reproduziert und mit ihrem Klon Justine konfrontiert. Aber: Welche Identität hat Justine? Wie reagiert sie, wenn sie sich selbst als Gegenüber erblickt? Gibt es hier überhaupt noch so etwas wie Original und Kopie?<BR><BR>Fragen, die Widmann und Schimmelpfennig umtreiben, die auch moralinsaure Kunst heraufbeschwören könnten. Doch Widmann war wichtig, die Problematik "mit einer gewissen Leichtigkeit" zu transportieren, nicht zeigefingernd, eher wie eine bissige Satire. "Ich will nicht pro oder kontra Gentechnik Stellung beziehen", so Widmann. "Mich interessiert vielmehr, dass der Mensch es machen wird. Was wäre, wenn: Wir wollen ein Spiel, das sich zum Endspiel wandelt."<BR><BR>Passend zum Plot sind Widmanns musikalische Mittel. So ließ er Techno-Sound und Werbe-Jingles einfließen, komponierte auch einen gehaucht-geschnauften, bösen Walzer, anfangs werden fast ausschließlich chemische Formeln und Börsenkurse gestammelt. "Dass heute noch vor der ,Tagesschau die Börse kommt, ist doch Wahnsinn. Das ist die Metapher unserer Zeit: Herren in Maßanzügen vor Pulten, die in schrecklich antiquierter Weise von Innovation sprechen."<BR><BR>Kein Moralstück, sondern eine böse Satire</P><P>Jede Szene der Oper hat eine eigene Sprache. "Wie ich alles verknüpfe, wie ich das Disparate verbinde und von einem Aggregatszustand in den nächsten wechsle, darauf habe ich meine Hauptenergie verwendet." Im kleinen Orchester sitzen unter anderem Streicher und Bläser (ohne Bratschen und Oboen), dazu Celesta, Gitarre und Akkordeon - ein Ensemble, das durch elektronische Zuspielungen ergänzt wird.<BR><BR>Anders als sonst hat Widmann minutiöse Regieanweisungen in der Partitur notiert. Wobei er weiß, dass dies Regisseure eher als Reibungsfläche für eigene Ansätze, nicht als szenische Bibel verstehen. Mit der Inszenierung von Falk Richter und seinen aseptisch kalten Räumen sei daher auch "eine Politisierung" der Oper entstanden, meint Widmann.<BR><BR>Dass es während der Vorbereitungszeit Krisen gab (zumal er relativ spät fertig wurde), räumt Widmann ein. Alle Partien seien überdies "extrem schwierig", umso mehr zeigt er sich begeistert vom Einsatz der Künstler. Mit dabei sind Salome Kammer (Patrizia), Julia Rempe (Justine), Dale Duesing (Bruno), Richard Salter (Milton) und der Tölzer Knabenchor. Peter Rundel dirigiert dieses "große Ritardando über zweieinviertel Stunden", wie Widmann sein Opus umschreibt.<BR><BR>Zu Beginn herrsche ein eher heftiger Gestus. Je mehr sich die Schlinge um die Figuren zuziehe, desto langsamer werde die Oper - ein Gegenentwurf zu Stücken, die sich dramatisch aufgipfeln. Und dennoch verspricht Widmann einen "irrsinnigen", übrigens pausenlosen Verlauf: "Es gibt keinen Moment, in dem man die Leute zum Sektschlürfen entlassen könnte."</P>

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