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Das Münchner Haus der Kunst wurde in der Ära Dercon immer wieder auch äußerlich verwandelt. Hier die Installation von Ai Weiwei mit tausenden von Rucksäcken, die an tote Kinder erinnern sollten. Diese waren bei dem Erdbeben in China von 2008 unter schlecht gebauten Schulen begraben worden.

Ein geklonter Chris? - Neuer Chef für Haus der Kunst gesucht

München - Im Herbst 2011, also in gut einem Jahr, wird der neue Chef des Münchner Hauses der Kunst sein Amt antreten (wir berichteten). Die Nachfolgerin oder der Nachfolger von Chris Dercon, der im Frühling 2011 die Tate Modern in London übernehmen wird, war in München sehr beliebt und wurde hochgelobt.

Ein schweres Erbe für die Persönlichkeit, die nun gesucht wird. Das Bayerische Kunst-Ministerium will bis zum Herbst 2010 fündig werden. Wir fragten „Kunst-Menschen“ nach dem Anforderungsprofil und nach ihren Wünschen.

Helmut Friedel, Direktor der Städtischen Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau:

„Was kann man sich wünschen, wenn man mit dem Haus der Kunst und seinen Ausstellungen aufgewachsen ist? Dass seine Geschichte der aufregenden Ausstellungen weitergesponnen wird; dass die neue Leitung ebenso unabhängig und anders ist, wie es alle ihre Vorgänger waren; dass also wieder was Neues kommt, das einem Ausstellungshaus dieses Formates auch entspricht: weltoffen und ohne historische Einschränkungen.“

Beate Passow, bildende Künstlerin:

„In dem vielfältigen Kunstangebot der Stadt nimmt das Haus der Kunst eine Sonderstellung ein. Es wäre zu wünschen, dass es so bleibt. In den letzten Jahren hat das Haus der Kunst es geschafft, auch durch das hohe Niveau ein jüngeres Publikum anzuziehen, das nicht nur ,Eventinteressiert‘ ist, sondern sich die Ausstellungen tatsächlich anschaut. Welches Haus in München hätte die große Andreas-Gursky-Schau gestemmt oder Ai Weiwei in dem umfänglichen Rahmen zeigen können? Natürlich ist es schwierig, für Chris Dercon mit seiner ungeheuren Energie, seinem Sachverstand und seinen mannigfaltigen Vernetzungen einen passenden Nachfolger zu finden. Vielleicht kann am ehesten eine Frau diese Lücke füllen, die man nicht nur auswählt, weil Frauen in Spitzenpositionen immer noch billiger sind, sondern die durch Originalität und Sachverstand aufgefallen ist wie zum Beispiel Marion Ackermann in Düsseldorf. Das Schlimmste, was dem Haus passieren kann, wäre ein sprödes, artifiziell verkopftes, elitäres Programm. Das würde den gut besuchten Kunsttempel im Nu entleeren.“

Carla Schulz-Hoffmann, stellvertretende Generaldirektorin der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen:

„Chris Dercon war eine ungewöhnliche und charismatische Figur. Meine Wunschoption wäre ein Zauberkreisel, der Christoph Vitali (Dercons Vorgänger, Anm. d. Red.) und Dercon verzwirbelt. So eine außergewöhnliche Kombination wäre wunderbar. Aber praktisch gesprochen: Auch wenn es im süddeutschen Raum sehr gute Leute gibt, wäre es positiv, wenn wieder eine internationale Entscheidung fallen würde. Das hat dem Haus gutgetan und dessen internationalem Profil genutzt. Es wäre schade, das nicht weiterzuführen. Natürlich muss die Person ihren eigenen Weg gehen, eine konsequente Linie verfolgen. Es muss jemand mit internationalem Renommee sein.“

Michael Heufelder, Münchner Galerist:

„Am besten wäre ein Leiter in der Vitali-Nachfolge. Da fällt mir als Erster Bernhart Schwenk ein, der ja schon unter Vitali im Haus der Kunst war. Schwenk kennt die Stadt, kommt zu uns in die Galerien, ist feinfühlig; und junges Blut tut ja immer gut. Er wird allerdings wohl nicht von den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen weggehen wollen. Aber genauso geeignet als Chef des Hauses der Kunst wäre Ulrich Wilmes, der dort als Hauptkurator wirkt. Ich finde, es sollte jemand sein, der schon in München tätig ist.“

Christiane Lange, Direktorin der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung München:

„Ich denke, der Nachfolger sollte nicht nur international vernetzt und am Puls der Zeit sein, sondern jemand, der in der Lage ist, so eine große Institution wie das Haus der Kunst mit seinem Mitarbeiterstab zu führen, und der auch für die anstehende weitere Renovierung des Hauses Erfahrung mitbringt. Daher fallen mir weniger Namen von jungen ,shooting stars‘ ein als die Namen von erfahrenen Kollegen wie zum Beispiel Julian Heynen, Düsseldorf, oder Stephanie Rosenthal, London.“

Ingvild Goetz, Münchner Sammlerin:

„Ich wünsche mir eine(n) Kurator(in), die/der ähnlich wie Chris Dercon neben Blockbustern wie Ai Weiwei, Andreas Gursky, Paul McCarthy, die große Publikumsmagnete waren, auch konzeptuelle Kunst wie aus der Sammlung Daled oder der Sammlung Generali Foundation ausstellt. Diese ist bedeutend und wichtig, aber viel zu kompliziert, um ein Massenpublikum anzuziehen. Der Blockbuster finanziert demnach den Konzeptkünstler oder Ähnliches. Es ist die Aufgabe eines Museums, wichtige Kunstpositionen unabhängig von der Besucherzahl zu zeigen - und ein(e) Kurator(in), der/die diese Aufgabe löst, gehört wieder ins Haus der Kunst. Ebenfalls ist es wichtig, die wunderbaren, vom Besucher viel Geduld verlangenden, großartigen Installationen und Projektionen in der ,Galerie der Freunde‘, der Vorhang-Konstruktion in der Mittelhalle, fortzuführen; diese machen uns mit Künstlern und Konzepten aus den unterschiedlichsten Erdteilen der Welt vertraut. Ja, es wäre großartig, wenn ein zweiter Chris Dercon mit dieser Begeisterung, mit Einsatz und Elan das Haus der Kunst weiterführen könnte.“

Marion Ackermann, Direktorin der Kunstsammlung NRW, Düsseldorf; ehemals Lenbachhaus:

„Während Christoph Vitali und Hubertus Gassner kunsthistorisch intensiv erarbeitete Themen mit großer Geste (,elan vital‘!) an das breite Publikum brachten, hat Chris Dercon durch ein inhaltlich wie formal überraschendes Programm und die Einbeziehung von Architektur, Design, Musik und Tanz sowie nicht minder große Gesten ein weitgefächertes, junges Publikum angesprochen. Da das Haus der Kunst keine Sammlung hat, bedarf es unermüdlicher Anstrengungen, sowohl die Kollegen zu überzeugen, Leihgaben zu schicken, als auch das große Publikum zu gewinnen. Fazit: Es bedarf einer charismatischen, leidenschaftlichen und hartnäckigen Persönlichkeit sowie eines Programms, das mit dem Unerwarteten konfrontiert. Und nicht zu vergessen: Im ehemals ,Haus der deutschen Kunst‘ genannten Bau war die Internationalität immer besonders wichtig.“

Dieter Rehm, Präsident der Akademie der Bildenden Künste München:

„Chris Dercon könnte geklont werden… - gegebenenfalls transformiert in das andere Geschlecht.“

Umfrage: Simone Dattenberger

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