Geld oder Liebe

- Fisch zu viert im Münchner Cuvilliéstheater. Das goldene Schuppentier schwebt zweimal quer über die Bühne: am Anfang in voller Pracht, zum Ende abgenagt bis auf Kopf und Gräten. Derweil steigt weißer Nebel vom Boden auf, Musik dräut nachtgespenstisch, die schwarzen, hohen Tannen biegen sich im Wind, die Bühne dreht sich, und das kleine Haus darauf zeigt seine offene Flanke. Darin hockt eine Art Waldschrat, der sich Osvald nennt und im Verlauf der folgenden zwei Spielstunden Besuch von drei Menschen bekommt. Das allein schon ein Wunder in dieser Einöde. Das Spiel über Geld oder Liebe kann beginnen. Und über allem glotzt der Vollmond so romantisch.

Zwischen Märchen und Psychothriller bewegt sich das kleine, überraschend schöne, spannende und poetische Stück "Bungee jumping oder Die Geschichte vom goldenen Fisch", das jetzt Harald Clemen fürs Bayerische Staatsschauspiel inszeniert hat. Geschrieben hat es der Este Jaan Tätte (39), in seiner Heimat ein bekannter Schauspieler, Sänger und Autor. Die archaische Kraft der Volkssagen als Grundmuster dessen, was wir als zwischenmenschliches Beziehungsgeflecht bezeichnen. Sich fallen lassen im freien Flug der Illusionen, um am Ende auf dem Boden der immer gleichen, nüchternen Tatsachen hart aufzuschlagen.

Da gibt es bekanntermaßen nichts Neues zu erzählen. Geld verdirbt den Charakter: eine Binsenweisheit. Und dass es allein nicht selig macht, ebenso. Der Mensch ist käuflich: Jahrtausende alte, traurige Erfahrung. Aber wie Jaan Tätte diese Standards von allen Seiten beleuchtet, wie er sie mit Wunder, Witz und Psychologie anreichert und variiert - das birgt reichlich Gestaltungsfutter für Schauspieler und ist für Zuschauer von einigem Erkenntnis- und Unterhaltungswert.

Zuerst muss hier Oliver Nägele genannt werden. Nie ist er besser als im sozusagen proletarischen Habitus. Er spielt jenen Einöd-Magier Osvald, dem mitten in der kalten Winternacht die Frau seiner Träume real erscheint und die er in Gewissheit seines Sieges dem Bräutigam abhandelt, um dann zu erfahren, dass sich, wo Geld im Spiel ist, der Zauber der Liebe nur zu schnell verflüchtigt.

In dieser Rolle blüht Nägele geradezu auf. Gescheitheit, Schalk und Sehnsucht blitzen ihm aus den schönen Augen, wenn er als der wundersam reiche, tanzbärige, geheimnisumwobene Mann die attraktive Frau an seiner goldenen Angel hat.

Oder hat sie ihn in ihrem Netz? Christine Schönfeld ist das Luder Laura: ein bisschen zu kalt, zu eindimensional und leicht durchschaubar. Ihren strohtrockenen Bräutigam, den die Aussicht auf eine Milliarden-Abfindung vollends aus der geordneten Kleinbürgerbahn wirft, spielt Christian Nickel, der an diesem Abend als still-grandioser Komiker zu entdecken ist. Am Ende noch Arnulf Schumacher in einem pointierten Auftritt als Pizza-Prolo: eine Mischung aus silberzahnigem Ost-Mafioso und Klabautermann.

Harald Clemen, der als Regisseur viel zu lange in München nicht präsent war, hat das alles in akribischer Personenführung sehr differenziert inszeniert. Mit harten Schnitten zwischen Poesie, Traum und Realität. Manchmal aber doch zu stimmungsvoll, da er auf die "Theaterebene", auf das Spiel mit dem eigenen Metier verzichtet, das doch der Autor selbst immer wieder gegen aufkommende Sentimentalität kess in seinen Text mit eingestreut hat. Dann denkt man sich im ansonsten so munteren Spiel: zu viel Tschechow, zu wenig Bungee jumping.

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