Gemeinsamer Aufbruch

- Dass sie München einmal verlassen würden - kaum vorstellbar. Aber das Schauspieler-Ehepaar Franziska Walser und Edgar Selge sitzt sozusagen auf gepackten Koffern. Eine Wohnung in Zürich wird gerade eingerichtet, denn dies ist die Stadt, die den einstigen Münchner Kammerspielern ab der neuen Spielzeit künstlerische Heimat sein wird.

<P>Einst waren beide nicht wegzudenken aus dem Team Dieter Dorns - bis Selge sich 1996 aus dem Top-Ensemble löste, neue künstlerische Möglichkeiten auslotete, mit anderen, jungen Regisseuren, mit Film, mit Fernsehen. Als TV-Kommissar hat er das gängige Genre um eine wertvolle Dimension erweitert.<BR><BR>Franziska Walser machte den Schritt vom ursprünglichen Stammhaus weg erst vor zwei Jahren. Beim Intendantenwechsel von Dorn zu Frank Baumbauer war sie zunächst an den Kammerspielen geblieben. Nun also der gemeinsame Aufbruch zu neuen Ufern. Gemeinsam nicht nur mit Edgar Selge, sondern mit einem Team um den von Bochum nach Zürich wechselnden Intendanten Matthias Hartmann.<BR><BR>"Es hat sich einfach so ergeben", sagt Franziska Walser. "Wir haben ein schönes Angebot von Hartmann bekommen. Meine Lehrjahre waren hier in München, meine kurzen Wanderjahre liegen hinter mir. Jetzt, wo die Kinder groß sind, finde ich es ganz schön, mich neu zu orientieren."<BR><BR>"Bevor ich nur rumsitze, gucke ich mal woanders." Franziska Walser<BR><BR>Dass Walser und Selge dem Münchner Theater fehlen, dass sie vermisst werden auch vom Publikum, wird immer wieder offensichtlich. Zuletzt war Edgar Selge hier als Wallenstein zu sehen und als Antonio in "Torquato Tasso", eine Inszenierung, die offiziell erst jetzt aus dem Programm von Dorns Residenztheater genommen wurde. Ob es denn aus München wirklich keine qualifizierten Rollenangebote für diesen nervigen, energischen, so klugen wie couragierten Schauspieler gab? Die kamen eher aus Frankfurt, vor allem aber aus Hamburg, wo Selge Molières "Menschenfeind" und Goethes "Faust" war. Selge: "Das Verhältnis zu Dieter Dorn ist sehr gut, aber eine konkrete weitere Arbeit stand nicht im Raum. Ich glaube, dass dieses Kapitel von beiden Seiten abgeschlossen ist. Für mich war es zwar die ganz wesentliche, zusammenhängende Theaterzeit in meinem Leben, aber sie ist vorbei." In Hamburg reizte ihn die "geballte ästhetische und inhaltliche Neuausrichtung" dieses Theaters.<BR><BR>Um eine gegenüber dem Dorn-Theater andere ästhetische Ausrichtung bemühen sich in München allerdings auch Baumbauers Kammerspiele. Dennoch fand Franziska Walser hier keine Alternative: "Ich hatte gehofft, dass da irgendwie etwas ganz Neues passieren würde. Aber es hat sich nicht ergeben. Wir sind nie wirklich zusammengekommen. Darum dachte ich: Bevor ich nur rumsitze, gucke ich mal woanders."<BR><BR>Mit ihrer Vertragsauflösung hat die Schauspielerin, die seit 1976 den Kammerspielen angehörte, ihre Unkündbarkeit in den Wind geschrieben. Mut, findet sie, habe nicht dazu gehört. "Ich habe es einfach gewagt, nach dem Lust-Prinzip sozusagen." Und sich somit ein Stückchen künstlerische Freiheit bewahrt.<BR><BR>Die Zeiten, da Schauspieler lebenslang an einem Haus waren und auch manche Durststrecke durchlebten, bis sie dann zu den begehrten und gefeierten Altstars wurden wie etwa an den Kammerspielen einst Maria Nicklisch und Peter Lühr, sind längst vorbei. Selge: "Das Theater hat sich doch gewaltig verändert. Die Beziehung des Schauspielers zur Stadt steht nicht mehr im Vordergrund; es sind die Intendanten und die Regisseure. Ich richte seit längerer Zeit mein Leben danach ein. Angebote sind viele da, mehr als ich annehmen kann. Man muss die Produktion als Produktion wahrnehmen. Es ist völlig wurscht, in welcher Stadt das ist - Frankfurt, Hamburg oder Wien."<BR><BR>"Da hat der Widerstand eines gelebten Lebens, eines erwachsenen Schauspielers keinen Platz." Edgar Selge</P><P>Und doch hat sich das Ehepaar jetzt fest an Zürich gebunden, Franziska Walser die ganze Spielzeit über, Edgar Selge mit einer Premiere pro Saison. Ein Engagement, in dem sie sich ihre künstlerische Freiheit zu bewahren erhoffen, in dem sie gefragt werden, ehe man sie mit einer Rolle besetzt.<BR><BR>In der Freiwilligkeit liegt auch die schauspielerische Freiheit. Dennoch scheint sie in so genannten modernen Inszenierungen, in den Dressurakten mancher Regisseure vollkommen abhanden gekommen zu sein. Die totale Identifikation mit der Rolle, die Aufgabe jeglichen Widerstands und aller Distanz - ist das nicht eine Spielhaltung, die das Theater unkritisch, also langweilig macht? Für Franziska Walser ist das auch eine Frage der Erfahrung: "Je älter man wird, desto größer ist die Reibungsfläche zwischen Schauspieler und Regie, zwischen Schauspieler und Rolle." Und Selge ergänzt, "nicht wertend", wie er betont: "Wie soll denn ein Schauspieler eine Reibungsfläche finden bei Inszenierungen von Michael Thalheimer oder Armin Petras etwa? Innerhalb des Konzeptes dieser Regisseure ist Reibung nicht möglich. Die ist aber auch gar nicht gewollt." Man kann das unreif, ja, kindisch finden, aber Selge weiß das zu erklären: "Bei Petras zum Beispiel spielt das Sich-zum-Kind-Machen eine wichtige Rolle. Da hat der Widerstand eines gelebten Lebens, eines erwachsenen Schauspielers keinen Platz."<BR><BR>Für Selge sind die derzeitigen sportiven Hochleistungs-Inszenierungen vor allem Ausdruck eines sehr bürgerlichen Theaters: "Weil hier der Zuschauer ermessen kann, was der Schauspieler leistet. Die Irrationalität eines Theaterabends wird ins Rationale überführt: Wie schnell kann einer sprechen, wie fabelhaft turnen. Das Publikum weiß, wofür der Schauspieler sein Geld bekommt und wofür es Eintritt gezahlt hat."<BR><BR>"Ich brauche die Reibung mit der Sprache." Edgar Selge</P><P>Wenn Edgar Selge und Franziska Walser das für sich akzeptieren würden, dann müssten sie sich nicht in das Abenteuer eines Neuengagements stürzen. Warum es ihn immer zum Theater treibt, erklärt Selge so: "Das hängt mit der Sprache zusammen. Ich möchte gern deutsche Stücke spielen. Ich brauche die viel zitierte Reibung mit der Sprache. Meine Arbeit der letzten zwei Jahre war, diesen Goetheschen ,Faust-Text auf Volkstheater herunterzuziehen, so dass man jeden Satz verstehen kann. Das ist mir ein großes Vergnügen. Ohne das will ich nicht leben."<BR><BR>Die erste Arbeit in Zürich wird eine ähnliche Herausforderung bedeuten: Dort hat im Februar Kleists "Zerbrochner Krug" Premiere - mit Selge als Dorfrichter Adam und Walser als Marthe Rull. Zusammen zu spielen, das passiert dem Ehepaar nicht alle Tage. Umso mehr freut sich Franziska Walser darauf: "Ich finde es interessant und spannend." Und Edgar Selge: "Ich kann mir keine bessere Marthe vorstellen."</P>

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