Gemeinschaft aus Einzelnen

- Zartfarbige Blütenkelche öffnen sich, ganz weit, Licht trinkend. Oder sie schließen sich fast, verharren zwischen Knospenhärte und Aufnahmebereitschaft. "Young-Jae Lee ­ 1111 Schalen" heißt das Projekt der Münchner Pinakothek der Moderne, das Kunsthandwerk und Kunstkonzept zusammenführt zu einem Architektur-Kommentar auf die PDM. Die Koreanerin, die seit den 70er-Jahren in Deutschland lebt, ist eine vielfach ausgezeichnete Meisterin des Töpferhandwerks.

Mit den 1111 Schalen hat sie sich zwei Jahre lang beschäftigt, drehte, glasierte, brannte Stück für Stück. Jedes ein Individuum, von denen sich jedoch keines vordrängt. Im zweiten Obergeschoss der PDM-Rotunde hat Lee die eintausendeinhundertelf Gefäße natürlich ebenfalls eigenhändig und Stück für Stück in zwei Blöcken in die Rundung der Galerie ungeschützt auf dem Boden platziert. Genau wie die dezenten Farben von Wasserblau über Hellgrau bis zu Beige mit weinroten Schlieren, wie der feine Schimmer, wie die ruhigen Formen ist auch die "Setzung" genau durchdacht und doch gewissermaßen absichtslos. Die Keramik-Installation wird in dem mächtigen Gebäude zu einem Natur-Element: Ein System ist erkennbar, aber es existiert scheinbar ohne prägenden Willen wie aus sich selbst entstanden.

Diese Bescheidenheit zeichnet ebenfalls Young-Jae Lee aus. Hat die Eins eine besondere Bedeutung in Korea, für sie selbst? Es gehe "nur" um den Anfang, das Einfache und das Einzelne. Und all die Einzelnen fasst die Künstlerin zu einer Gemeinschaft zusammen: Jede Schale hat ein Füßchen. Allerdings streckt sich die Schalenwand mal bis zur Flachheit eines Tellers oder zieht sich zusammen zu einem becherartigen Napf. Dazwischen gibt es alles, seien es die großen Gefäße, die Spaghetti für sechs Personen fassen könnten, oder die feinen Präsentatoren für dekoratives Obst. Selbst auf den ersten Blick gleiche Schalen weichen in kleinen Randschwingungen, Bauch- oder Farbvarianten voneinander ab.

Mit ihrer stillen Aura soll ein Grüppchen der Gefäße sogar den Besucherströmen im Parterre-Foyer trotzen. Als lockerer Sternennebel treiben sie im Zentrum der Rotunde ­am Boden.

Bis 28.1.07, Tel. 089/ 23 80 53 60; Katalogbuch, Hatje Cantz: 39,80 Euro.

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