Gemischter Grillteller

- Falsche Entscheidungen, ungute Entwicklungen, unerfüllbare Erwartungen, Fehler mithin, werden korrigiert. Enid korrigiert Alfred, schon seit sie ihn geheiratet hat, was gut 40 Jahre her ist. Der unnahbare, disziplinierte, eigensinnige Alfred - ist er der Fehler im System der Familie Lambert?

<P>Jedenfalls Opferlamm einer perfektionistischen Gattin, der miteinander konkurrierenden Wohlstands-Nachbarn und einer optimierungswütigen Gesellschaft. Was nicht bedeutet, dass Alfred nicht selbst zeitlebens an der Umerziehung seiner Kinder, Mitarbeiter, ja seiner eigenen Person gearbeitet hätte.</P><P>"Die Korrekturen" sind das durchgängiges Motiv des gleichnamigen Romans von Jonathan Franzen, der im vergangenen Jahr in den USA literarisch Furore machte. Ein großer, üppiger, porträtierender Familienroman, eine Galerie von Genrebildern: die amerikanische Mittelschicht aus dem Mittelwesten ab Mitte des vergangenen Jahrhunderts bis in unsere Gegenwart. Heute hat Alfred die Parkinsonsche Krankheit und fällt Enid zur Last.</P><P>Und wenn man liest, wie er sich auf der gemeinsamen Kreuzfahrt von den eigenen Exkrementen verfolgt fühlt und versehentlich vom Schiff an seiner verblüfften Frau vorbei ins Meer fällt, dann stellt sich eine bestürzende Tragikomik ein: Einst hat dieser Mann am Abendbrottisch den Sohn vergessen, wo dieser wegen Essensverweigerung zur Strafe schmoren musste, hat seine Frau nur begehrt, wenn sie sich ihm als wehrloses Opfer präsentierte, und ist auch noch an der väterlichen Selbstkorrektur gescheitert: Weil er über die schwangere Enid hergefallen ist, hat er nach seiner Vorstellung die ungeborene Tochter beschmutzt. Von Angst und Mutwille, Repression und Depression, Zwanghaftigkeit und Zugzwang erzählt dieses Buch und von dem Versuch, deren Folgerichtigkeit zu durchbrechen. Doch: "Was Korrekturen möglich machte, vereitelte sie zugleich", lautet die lapidare Erkenntnis nicht nur Alfreds in diesem Buch, sondern auch der trockene Kommentar des personalen Erzählers.</P><P>Stürzen lässt er alle seine Figuren, jedoch nicht ganz so bildlich und plötzlich wie den armen Alfred: Gary, der älteste Sohn, fällt wegen klinischer Depression, die seine Frau Caroline mehr herbei reden als beweisen kann, aus dem vorbildlichen Familiengefüge. Chip, der zweitälteste, fliegt von der Universität, weil er sich als Dozent mit einer Studentin eingelassen hat. Als Drehbuchschreiber hat er aber auch keinen Erfolg, weshalb er in Litauen amerikanische Investoren betrügt. Denise schließlich, die kleine Schwester, kocht sich in den Gourmethimmel hinauf, um sich nach der Affäre mit ihrem Chef respektive mit dessen Frau auf der Straße wieder zu finden.</P><P>Enid aber gleitet am zwingendsten und unschuldigsten ab, desillusioniert von der mangelhaften Erfüllung ihrer sehnlichsten Wünsche - die Kreuzfahrt mit Alfred, ein letztes Weihnachten mit ihren Kindern im maroden Einfamilienhaus und die angemessene Bezahlung eines Patents, das Alfred gehört und zum Zentrum eines biotechnologischen Wundermittels geworden ist.</P><P>Eng und nie erzwungen korrespondieren die zahlreichen Motive miteinander, erhellen und ironisieren sich gegenseitig. Und bei aller Bitternis, die den Figuren, dem Leser, dem Autor widerfährt und trotz der Konfrontation mit dem verzweifelt optimistischen Perfektionswahn einer zu Selbsterkenntnis und Verbesserung verdammten Nachkriegsgeneration, kommen hier Witz und Satire nicht zu kurz.</P><P>Wenn Enid ihrer Tochter Denise die Affären ihrer Freundin erzählt, weil sie eigentlich etwas über Denises Liebesleben erfahren will, oder wenn Gary die gemischten Grillteller, die er längst nicht mehr ausstehen kann, nur kreiert, damit er nicht den Verdacht seiner Frau schürt, dass er depressiv sei, dann ist das vom schaurig-schönen Humor eines Woody Allen: traurige, hilflose Individuen. Figuren, deren Charakter im Roman durch andere Personen und äußere Umstände definiert ist, die deshalb die eigene Identität unaufhörlich suchen.</P><P>Der 43-jährige Jonathan Franzen hat mit seinem dritten Roman Mut auch zu Ungereimtheiten bewiesen: Sein gewaltiges Opus wirkt manchmal uferlos, und fast scheint sich der Erzähler darin zu verlaufen. Bis man den Umweg zu schätzen lernt, weil er wieder eine wahre Geschichte mehr erschlossen hat, die die Figuren und ihr mangelhaftes Selbst bestimmt. Nicht von ungefähr gewinnt gerade das Unkorrigierte in deren Leben, das Rohe, Unbegradigte, das, was beschämt und verdrängt wird, mit der Zeit an Wert.</P><P>Dabei ist die Beziehung zwischen Denise und ihrem Vater Alfred die reifste und menschlichste, weil am meisten von Respekt und gegenseitiger Akzeptanz geprägt. Aber auch Enid erkennt, wenn auch spät, die notwendigste Korrektur: nicht mehr korrigieren zu wollen. Eigentlich ein gutes Ende, aber nur weil es offen ist.<BR><BR>Jonathan Franzen: "Die Korrekturen". Übersetzt von Bettina Abarbanell. Rowohlt Verlag, Reinbek. 781 Seiten, 24,90 Euro. Der Autor liest am 12. Oktober in München.<BR></P>

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