Gemordet oder gerettet

- "Ich schildere Dir diese Szene aber, weil sie so besonders deutlich die Ausweglosigkeit aufzeigt, in die die SS-Männer gerieten, wenn sie dem Teufel den kleinen Finger gegeben hatten." Emmi Bonhoeffer beschreibt diese Szene in einem Brief an ihre in den USA lebende jüdische Freundin Recha: wie ein SS-Mann beim "Selektieren" der im Konzentrationslager angekommenen Juden einer Siebzehnjährigen den kleinen Bruder vom Arm reißt, um sie, im Gegensatz zu Mutter und Geschwistern, vor dem Tod im Gas zu bewahren.

"Hat dieser Arzt gemordet oder gerettet?", fragt Bonhoeffer. Sie hat sich freiwillig gemeldet, um bei den Auschwitzprozessen 1964 die traumatisierten Zeugen zu betreuen. Und sie selbst hat ihren Mann Klaus Bonhoeffer verloren, weil er dem Kreis der Attentäter vom 20. Juli 1944 angehörte und hingerichtet wurde.Bereits das eingangs erwähnte Zitat zeigt, welch wertvolle Quelle die Aufzeichnungen Emmi Bonhoeffers sind, weil es ihr gelingt, zugleich differenziert und empathisch zu denken und zu schreiben. Besonders die Briefe an Recha zeugen von der Problematik der deutschen Gesellschaft im Umgang mit den Tätern und Opfern der Nazi-Zeit noch 20 Jahre nach Kriegsende.Zögernd erst, dann umso drastischer schildert Bonhoeffer die Gräueltaten, als sie nämlich erkennt, dass sie genau dies den Opfern schuldig ist. "Und der Mann, der das durchgemacht hat, war ohne Hass! Kannst Du verstehen, dass eine solche Begegnung ein großes Geschenk ist, dass eigentlich wir, die wir mit ihm zusammen sein dürfen, die Nehmenden sind?"Neben den Briefen, die die Auschwitz-Prozesse aus einem ganz persönlichen Blickwinkel heraus dokumentieren, enthält dieses sehr lesenwerte und zutiefst erschütternde Bändchen Emmi Bonhoeffers Lebenserinnerungen, Beschreibungen ihrer eigenen Familie und der ihres Mannes, auch Klaus Bonhoeffers Abschiedsbrief an seine Kinder. Und schließlich Emmi Bonhoeffers Essay "Zivilcourage und Gehorsam". Da heißt es: "Es gibt in der ganzen Welt, glaube ich, keine Widerstandsbewegung, wenn es den Leuten von Tag zu Tag besser geht. Moralische Gründe und politische Weitsicht reichen nicht aus, wenn die Leute Butter auf dem Brot haben." Umso eindrucksvoller macht Emmi Bonhoeffer damit die weitsichtige Haltung ihres Mannes, der früh die Zerstörung der Rechtskultur als das größte Verbrechen Hitlers erkannte und entsprechend zu handeln begann.

Emmi Bonhoeffer: "Essay. Gespräch. Erinnerung". Hg. v. Sigrid Grabner und Hendrik Röder. Lukas Verlag, Berlin, 147 Seiten; 16,90. Emmi Bonhoeffer: "Briefe an Recha". Gelesen von Martina Gedeck. CD, Vacat. Lesung mit Martina Gedeck an diesem Samstag, 20 Uhr, Münchner Kammerspiele.

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