Gemütlicher Kreis

- Welche Funktion kommt den deutschen Akademien der Künste in der modernen Öffentlichkeitsstruktur zu? Die Hamburger führt programmatisch das Adjektiv "frei" im Titel. Die Sächsische, die erst nach der Wende gegründet wurde, sieht sich als verbindendes Element im Europäischen Einigungsprozess. Die Berliner _ vertreten durch den neugewählten Präsidenten Adolf Muschg _ verstehen sich als einen "nicht kalkulablen Ort", zur Verteidigung der Freiheit anderer Meinung zu sein. Die gastgebende Münchner Akademie formuliert für sich eine kulturpolitische Zentralbedeutung. Sie will Gespräche stimulieren, kritisch intervenieren, unbequeme Wahrheiten verbreiten.

<P>Die Standortbestimmungen zeigen: An Selbstbewusstsein haben die Akademien nichts verloren. Auch wenn die karge Finanzierung durch die Länder seismographisch ist für das schwächelnde kulturelle Selbstbewusstsein der jeweiligen Region. Die Herren der Akademien sehen sich als Hofnarren, Zukunftsagenten, Geschmacksbildner, Laborleiter für neue Ideen und stille Diplomaten in heikler Angelegenheit. Dass sie dabei eher wie ein gemütlicher Kreis wirken, mag ja eine optische Täuschung sein. Aber die Frage, warum dieses erstes Gipfeltreffen erst jetzt stattfindet, hat doch seine Berechtigung. Netzwerk und Synergie sind schließlich keine Zauberworte und Lösungsmittel von morgen! Das erste Treffen stand unter dem Thema "Auftrag und Wirklichkeit - Am Beispiel der Baukunst".</P><P>Hofnarren und Zukunftsagenten</P><P>Ein wichtiges Thema, da Baukultur in den Köpfen vieler Politiker in der Schublade "Investitionen" lagert. In welchem Maße die Bauten der Zukunft das Gesicht einer Stadt bestimmen, den Alltag der Menschen gestalten und die geistige Kultur einer Stadt symbolisieren, rutscht immer wieder aus dem Bewusstsein der Entscheidungsträger. Dass die Staatskanzlei keine Seitenriegel hat, dass das Olympiastadiondach als Baudenkmal erhalten bleibt - das sei nicht zuletzt den lauten Zwischenrufen aus dem dritten Stock der Residenz zu verdanken.</P><P>Wie soll es weitergehen? Was ist geplant? Nein, man habe nicht vor, diese Treffen zu ritualisieren. Auf Zuruf, aus gegebenem Anlass wolle man sich versammeln. Wo war die Stimme der Akademien, als die Rechtschreibreform diskutiert wurde? Zuckende Schulter, lautlose Fragezeichen, betretene Gesichter. Verehrte Herren und Geistesgrößen, wenn Sie sich - wie verkündet - verjüngen wollen, ja dann ist keine Zeit zu verlieren. Auch eine Feminisierung könnte nicht schaden. Als einzige anwesende Frau in dieser Tafelrunde grauer Bärte riskierte man an diesem Morgen einen legeren Randgruppen-Komplex.</P>

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