Genesis im Olympiastadion: Nachbarschaftsfest mit Regenbogen

München - Das Beste vom Besten: Genesis trotzte am Dienstag in München mit erstaunlich guter Akustik und perfekter Video- und Lichttechnik dem launischen Wetter.

Für den ersten und spektakulärsten Showeffekt des Abends sorgt eine Laune der Natur: Nachdem es den ganzen Tag über junge Hunde geregnet hat, reißt rechtzeitig vor Konzertbeginn der Himmel auf und gibt die Sicht auf einen Regenbogen frei, der sich majestätisch über das altehrwürdige Münchner Olympiagelände wölbt. Ein perfekter Auftakt für die ebenso altehrwürdige Band Genesis, die in der Folge im fast ausverkauften Stadion den Beweis antritt, dass noch nicht alle Dinosaurier des Rockgeschäfts ausgestorben sind. Immerhin liegt die Gründung von Genesis nun auch schon vierzig Jahre zurück.

Ambitioniert steigt Genesis mit dem Medley aus den alten Kompositionen "Behind the Lines" und "Duke's End" ein, und das ist ein ganz programmatischer Anfang. Die älteren Herrschaften werden ziemlich viele ältere Stücke spielen und damit die treuesten Anhänger glücklich machen, die Genesis schon mochten, als die noch etwas sperrige Musik produzierten. Damals spaltete die mit dem Etikett "Progressive Rock" versehene Band die Popfans in unversöhnliche Lager. Erst in den 80er- und 90er-Jahren hatte sich Genesis zu einer massentauglichen Popgruppe gewandelt, und die kommerziellen Abräumer aus dieser Zeit wie "Invisible Touch" sorgen denn auch für die vorhersehbaren Ovationen.

Dennoch sind es eher die zahlreichen obskuren Perlen, die musikalische Glanzlichter setzen. Etwa die wirklich hörenswerte Suite aus "In the Cage", "Cinema Show" und "Duke's Travels", bei der Genesis lustvoll dem Sound der 70er-Jahre frönt und dabei den Verdacht erweckt, sie würden in erster Linie zu ihrem eigenen Gaudium spielen: Irgendwie will man sich ja selbst Wiedergutmachung gönnen, wenn man weiß, dass auch vergleichsweise rustikale Hits wie "I can't dance" abgespult werden müssen. Wie immer ist die Akustik bei Genesis selbst in dem Klanggrab Olympiastadion erstaunlich gut, und wie immer bei Genesis wird im Bereich der Video- und Lichttechnik nur das Beste vom Besten aufgeboten.

Dass der Auftritt dennoch nicht zum sterilen Mammut- ereignis gerät, sondern zeitweilig den Charme eines netten Nachbarschaftsfestes mit der spontanen Einlage des Hausmeisters und seiner Combo hat, liegt an Sänger Phil Collins.

Der führt kumpelhaft leger durch das Programm, legt mit einem Tamburin eine Art Schuhplattler hin, erklärt mit virtuos dirigiertem Serien-Jubel dem Publikum die Dominotheorie und macht zwischendrin von der Bühne aus Erinnerungsfotos fürs Familienalbum. Ein geborener Entertainer, der mühelos mit Tausenden Menschen auf einmal kommunizieren kann und währenddessen keine Sekunde routiniert oder gar zynisch wirkt. So wird einem trotz der erbärmlichen Kälte ganz warm ums Herz, selbst wenn man nicht der weltgrößte Genesis-Fan ist. Und das muss einer Band erst mal gelingen.

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