Die geniale Viererbande

Murnau - Die hinreißende Ausstellung "1908/ 2008. Vor 100 Jahren - Kandinsky, Münter, Jawlensky,Werefkin in Murnau" wurde gestern im dortigen Schlossmuseum von Bundespräsident HorstKöhler eröffnet.

Na, da geht einem das Herz auf. Und in den Räumen des Schlossmuseums, die für Wechselausstellungen reserviert sind, weiß man gar nicht, zu welcher Wand man sich zuerst drehen soll. Überall stechen einem Bilder ins Auge, die man eigentlich sofort sehen möchte. Lieber Paul Cézannes große Zeichnung mit Badenden - eines seiner wichtigsten Motive - genau inspizieren, schließlich hatte man ihn in Murnau nun nicht erwartet? Oder sich doch dem quasi Einheimischen Wassily Kandinsky widmen, dessen frühe, spätimpressionistische Arbeiten locken? Oder doch dem lebensgroßen Bildnis einer Frau im roten Spanierinnen-Kostüm von Alexej Jawlensky? Andererseits ist die "Promenade" von Gabriele Münter, die vier Mädchen in eine zauberische Stille einfängt, schon ein imposanter Fingerzeig künftiger Großtaten auf dem Feld der Kunst.

Was hier zu Beginn der Präsentation hängt, die auch Bundespräsident Horst Köhler, Ministerpräsident Günther Beckstein und den Opernstar Diana Damrau (Merkur-Theaterpreisträgerin) zur gestrigen Eröffnung anlockte, ist die Basis des eigentlichen kunsthistorischen Quantensprungs. Und der, so die These der Schau, fand in Murnau nicht nur statt, sondern wurde auch von dem Charme der Marktgemeinde am Staffelsee und dem Landschaftskontrast aus weichen Wiesen und schroffen Bergen inspiriert. Museumschefin Brigitte Salmen schildert mit ihrer Hängung überzeugend, dass im August/ September 1908 in Murnau die Grenzüberschreitung zur expressiven Malerei geschafft wurde. Damit war der Boden bereitet für den Blauen Reiter (ab 1911) und in der Folge davon der Abstraktion. Die drei Russen Werefkin (1860-1938), Jawlensky (1864/ 65-1941) und Kandinsky (1866-1944) waren 1896 nach München gekommen. Der Ruf der Stadt in Sachen Kunstausbildung war international verbreitet. Münter (1877-1962) kam 1901 von Düsseldorf nach München.

Kurze Qual und großer Sprung

Da alle vier auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen in der bildenden Kunst waren, mussten sie sich unweigerlich treffen. Salmen deutet den Einfluss des Münchner Jugendstils und symbolistischer Strömungen in ihrer Präsentation an. Ihr Hauptaugenmerk liegt allerdings auf dem französischen Einfluss. Es ist ihr gelungen, eine Staunen machende Anzahl von Leihgaben aus diesem Bereich zu bekommen. Neben Cézanne sind da Bonnard, Vallotton, Denis, Braque, Dufy oder Sérusier. Aufgenommen wurde deren Wille zur Farbe, insbesondere zur farbigen Fläche. Die impressionistische Auflösung in einen Flecken-Schwarm verschwand nach und nach. Die Töne wurden hell, strahlend, ja gleißend. Das vermag die Ausstellung exzellent herauszuarbeiten - und zwar punktgenau aufs Jahr 1908, auf jenen Sommer hin.

Kandinsky hatte schon 1904 Murnau in einem Brief an seine Gabriele gepriesen. Im Juni 1908 begeisterten sich beide bei Exkursionen mit Kandinskys Malschule "Phalanx" so dafür, dass sie im Sommer ihren Arbeitsaufenthalt dort machten - mit dem Paar Werefkin-Jawlensky. Ein Jahr später kaufte Münter das Haus an der Kottmüller-Allee, das sie bis zu ihrem Tod behielt und in dem sie viele Kandinsky-Werke über die Nazi-Zeit hinwegrettete.

Das Vierergespann hatte sich in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts der Farbe als dominanter Größe, als Alleinherrscherin, die keinerlei Illusionismus dienen will, erst angenähert. Durch Linie und Fläche des Jugendstils, vor allem der Grafik, und durch die Farb-Frechheiten der französischen Nabis (am berühmtesten: Gauguin) und Fauves (Matisse).

Schön, dass im Schlossmuseum auch Werke von Malerfreunden zu sehen sind, die man kaum kennt. Etwa Wladyslaw Slewinski, der mit einem innigen Buben-Porträt überzeugt. Neugierig wird man ebenfalls auf den Benediktinermönch Jan Verkade, der auf ähnliche Weise Jawlensky beeinflusste. Im Spätsommer 1908 ist dann das Ziel erreicht, das Münter so beschreibt: "Ich habe da nach einer Zeit der kurzen Qual einen großen Sprung gemacht - vom Naturmalen - mehr oder weniger impressionistisch - zum Fühlen eines Inhalts..."

Und so sehen wir im Museum Murnaus Straßen samt Kirche, Schloss, Bergen und See farbstrotzend aufleuchten. Das Hotel Villa Steiger - Ödön von Horváths Vorlage für sein Hotel-Stück "Zur schönen Aussicht" - flammt bei Jawlensky gelb und orange vor blauem Himmel auf. Kandinsky setzt die Johannisstraße mit viel Weiß in hellstes Sonnenlicht, daneben tief lilafarbene Schlagschatten ("Murnau - Häusergruppe"). Und Münter erfasst in schnellem Pinselstrich das "Murnauer Moos", über dem die blauen Berge zu schweben scheinen.

Nur Marianne von Werefkin behielt ihre symbolistische Handschrift bei - obwohl sie wie die anderen der Farbgewalt vertraute. Aber ihre Gärten ("Sonntagnachmittag") oder Murnau-Gassen zeigen zusätzlich eine traumverlorene Ebene. Wenn man so will, hatte sie ihr Murnau-Erlebnis in ihren wundervollen Skizzenbüchern ab 1907. Sie war, das ist die Überraschung der Schau, die Vorreiterin der Gruppe. Nachdem sie 1906, nach zehn Jahren, wieder angefangen hatte zu malen, kam sofort der Durchbruch zu einer neuen Sichtweise. Sie hatte Jawlensky unterstützt, sich deswegen in Theorien vergraben - und in jenem Sommer für sich und die drei anderen den genialen Gewinn eingefahren.

Bis 9. November,

Tel. 08841/ 47 62 07, Katalog: 25 Euro.

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