Genialer Dandy

- Tagsüber flanierte er auf den Boulevards, stets elegant gekleidet mit Zylinder, Handschuhen und feinen Stiefeln. Am frühen Abend zeigte er den Freunden im berühmten Café´ Tortini am Boulevard des Italiens seine soeben entstandenen Skizzen, seine Tuschzeichnungen und Aquarelle, nach denen er im Atelier seine Bilder malte. Edouard Manet (1832-83), der Sohn aus gutem Hause, war von seiner Gesinnung her Republikaner und Revolutionär, doch er blieb auch als Künstler ein Bürger, wurde nie ein Bohé´mien und wollte nie ein Außenseiter sein. Seine Vorbilder waren Velá´zquez und Goya, Tizian und Raffael, Chardin und Frans Hals.

<P>Er wird zu den Impressionisten gezählt, doch an den acht Gruppenausstellungen der Impressionisten zwischen 1874 und 1886 war er nicht beteiligt. Erst in der Zusammenarbeit mit Monet und Renoir an der Seine bei Argenteuil, seit 1874, wurde auch Edouard Manet zum Freilichtmaler _ in der Spannung zwischen der Pinselschrift des skizzenhaft Spontanen und der auskalkulierten Komposition des Konstruktiven. Ihm lag an einer Synthese aus der Vielzahl visueller Eindrücke, am Gleichgewicht zwischen Fläche, Raum und menschlicher Figur, von Licht und Farbe. Ganz im Sinne seines Freundes Baudelaire, mit dem ihn die Begeisterung für alles Spanische verband: "Die Modernität ist das Vorübergehende, das Entschwindende, das Zufällige, ist die Hälfte der Kunst, deren andere Hälfte das Ewige und Unabänderliche ist."<BR>In einer Ausstellung von rund 80 Ölgemälden und 40 Arbeiten auf Papier, unter dem Titel des deutschsprachigen Erstdrucks von Sté´phane Mallarmé´s Schrift "Die Impressionisten und Edouard Manet", vergleicht die Stuttgarter Staatsgalerie das, was die Pariser Freunde zumal seit den 1870er-Jahren malten, auf der Basis der eigenen Bestände, vor allem von Manets "Der Maler Monet in seinem Atelier".<BR></P><P>Es ist das Boot des Freilichtmalers, das sich Monet eigens hatte bauen lassen. Eine farbiger gehaltene Version dieses denkwürdigen Themas hängt in der Münchner Neuen Pinakothek, wurde im Unterschied zu Claude Monets "Die Seinebrücke von Argenteuil" (ebenfalls von 1874) jetzt jedoch nicht nach Stuttgart ausgeliehen.</P><P>Besonders stolz sind Direktor Christian von Holst und seine Kuratorin Ina Conzen auf die Leihgaben aus den Schweizer Sammlungen Bührle und Anda, die ihren gesamten Manet-Besitz zum ersten Mal auf Reisen schickten, auf das im Freien entworfene Doppelporträt "Die Eisenbahn" aus Washington, auf das Berliner Großformat "Im Wintergarten" und auf "Beim Pè`re Lathuille, im Freien" aus Tournai.</P><P>Aus der Nationalgalerie in Oslo kam ein Bild, das aus konservatorischen Gründen 1983 sogar in der rund 200 Werke Manets (zur Hälfte Gemälde) umfassenden Pariser Ausstellung im Grand Palais fehlen musste: der Blick von der Anhöhe des Trocadé´ro auf die Pariser Weltausstellung von 1867. Elegante Flaneure und einige Frauen, Wachmänner und Kinder geben einander Hinweise auf markante Momente dieser Vedute. Links vorn spritzt ein Gärtner die Blumen im Beet, rechts führt Manets Stiefsohn Lé´on den Hund spazieren, in der Höhe überfliegt der Fotograf Nadar, einer der Freunde, die Stadt. Erste Luftaufnahmen hatte er 1856 dort machen können.</P><P>So werden gültige Bilder aus arrangierten Momenten. So kann genau gesehen werden, was den Duktus des Unmittelbaren verträgt. Deutlich wird in Stuttgart, wie nah bei Edgar Degas der Freund Manet stets stand: Realisten, die ihren Courbet längst überwunden hatten zugunsten einer Wahrheit der Wahrnehmung des scheinbar Zufälligen, Alltäglichen und Spontanen. Aus Zeugenschaft wurde Meisterschaft.</P><P>Manet, der Dandy, starb früh unter schmerzhaften Umständen: an den Folgen einer Syphilis. Rund 20 Prozent aller Einwohner von Paris litten damals an dieser noch unheilbaren Krankheit.</P><P>Bis 9. Februar 2003. Katalog 23 Euro. Tel. 0711/212 40 50.</P>

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