Geniales aus dem "Suppengrund"

- Jörg Immendorff: Zuletzt sorgte er nur noch für Schlagzeilen in Zusammenhang mit Kokainmissbrauch, Prostituierten, seiner tödlichen Krankheit und einem (nicht lebensbedrohenden) Zusammenbruch. Warum er aber seit Jahrzehnten einer der Namen der deutschen Kunst ist, geriet fast in Vergessenheit. Die Versicherungskammer Bayern zeigt jetzt in München die schlagendste Begründung für den Ruhm des Malers: zarteste Antikenzitate verkuppelt mit politischem und sozialem Aufrütteln, wilde Expression in Gesellschafts- und Kunstanalysen, eine enorm gegensätzliche Bildsprache für die eine, alles überragende Botschaft, dass Kunst dem Wohle des Volkes zu dienen hat.

Sei die Konsequenz daraus auch noch so provokativ.

Deutschland und der "Maueraffe"

An die 300 Grafiken dürfte Immendorff bis heute geschaffen haben, mit einer Auswahl von 130 Stücken wird erstmals ein Überblick über das nicht ganz so berühmte, aber nicht weniger bombastische Werk des Revoluzzers gegeben. Seit vierzig Jahren ist neben den Monumentalbildern und -installationen das riesige Blattwerk entstanden. Bis heute arbeiten die Schüler des erkrankten Immendorff nach seinen Schablonen und Anweisungen weiter. Hier schließt sich der Kreis: 2005 ist der "Maueraffe" auf Orange entstanden. Von Anfang an hat Immendorff in verschiedenen Variationen mit dem Vorurteil vom verrückten Künstler, existent seit dem 17. Jahrhundert, in dieser Form kokettiert. Dass er selbst als Zentralfigur des deutschen Ost-West-Dialogs gilt, mag zu weiteren selbstkritischen Deutungen führen.

Mit den Interpretationen der Arbeiten ist es aber so eine Sache: "Prinzip Suppengrund" hat Immendorff seine Arbeitsweise einmal genannt, wobei er aus einem überbordenden Formen- und Zitatenvokabular immer wieder die Generalthemen der neudeutschen Kunstgeschichte freischaufeln muss - sie aber nicht in endlosen Texten erzählt haben will. Eigentlich nämlich ist der Künstler, Jahrgang 1945, den ersten Expressionisten verpflichtet: rauschende Farben, dazu allerdings kantige All-Over-Figuren lassen opulente Szenarien entstehen. Beuys, Duchamp und der Dadaismus eines Raoul Hausmann werden zudem in einem schwarzen Balkenkorsett à` la Beckmann und mit einem wilden Aufleuchten der Buntheit als Grundlagen der eigenen Kunst 1991 definiert.

Nach einem kurzen, aber in der Liebe zur Inszenierung immer noch spürbaren Bühnenkunst-Studium erfuhr Immendorff 1964 seine entscheidende Prägung als Schüler von Beuys. Überall taucht dieses Vorbild auf. Ihm hat Immendorff den entscheidenden Impuls zu verdanken, dass Kunst ein aktives, allumfassendes und soziales Potenzial hat. Ende der 70er-Jahre gründete Immendorff zusammen mit Penck ein deutsch-deutsches Aktionsbündnis. Im imaginären "Café Deutschland" sitzen heute noch die Kunstgrößen zwischen Adlersymbolen, Immendorff selbst als Inbegriff der Lebensrolle als Künstler mit weißer Maske mittendrin. 1995 modelte er in einer Hommage an Hogarth die Geschichte zu "The Rakes Family" um: Zarte, barockisierende Figuren, darunter er selbst und Beuys, lassen aus der Episode vom Gang in die Unterwelt eine Definition der geknechteten und einmal mehr verrückten Künstlerseele werden.

Bis 12. Februar; Tel. 089/ 21 60 27 91, Eintritt frei.

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