Genialischer Gentleman

- Er ist der bislang einzige deutschsprachige Schauspieler, der je einen Oscar in der Kategorie Bester Hauptdarsteller bekam. 1961 war das. Schell spielte in Stanley Kramers "Das Urteil von Nürnberg" einen ehrgeizigen jungen Anwalt, der einen deutschen Nazi-Richter verteidigt. Diese Rolle sollte sein Schicksal werden, nicht nur des Oscars wegen. Ebenso feurig, vom Ehrgeiz gepackt und gleichzeitig kaltschnäuzig wie der Paragraphenbieger im Film war Schell nämlich selbst in jener Zeit. Ebenso sensibel und innerlich zerrissen, ebenso schwierig und intelligent. Ebenso charismatisch und auch ebenso erbarmungslos im Umgang mit jenen, die anderer Ansicht waren. Zumindest, wenn man den Geschichten über den Maximilian Schell jener Tage Glauben schenkt.

Hamlet und Jedermann

Und so ist es nur folgerichtig, dass Schell vor kurzem noch mit der Theaterfassung von "Das Urteil von Nürnberg" am Broadway brillierte - als der Angeklagte Ernst Janning, Hitlers Justizminister. Voller Überraschungen steckt der heute das eigentlich recht gesetzte Alter von 75 Jahren erreichende Schell immer noch. Mal schoss der Sohn des Schweizer Schriftstellers Hermann Ferdinand Schell und der österreichischen Schauspielerin Margarete Noé´ von Nordberg in einer Fernsehtalkshow mit einem Revolver in die Decke, weil er gegen Schießereien in Filmen protestieren wollte. Und den wegen Kindesmissbrauchs angeklagten Michael Jackson nahm er in einer ganzseitigen Zeitungsanzeige in Schutz. Doch wenn sich jemand bis ins hohe Alter diese Divenhaftigkeit leisten darf, dann ein Ausnahmeschauspieler wie Maximilian Schell.

1930 wurde er in Wien geboren. Die Familie fand in der Schweiz Zuflucht, wo Schell im Kreise seiner Geschwister Maria, Immy und Carl, die alle ebenfalls Schauspieler wurden, aufwuchs. 1952 entschied sich Schell für den Beruf des Schauspielers, und sein Weg führte ihn von Basel über München nach Hamburg, zu den Salzburger Festspielen und schließlich nach Hollywood und an den Broadway. Legendär sind sein Hamlet in der berühmten Abschiedsinszenierung von Gustaf Gründgens am Hamburger Schauspielhaus 1963 oder der Jedermann in Salzburg (1978-1982). Auch seine Darstellung eines KZ-Kommandanten in dem deutlich an den Eichmann-Prozess angelehnten Gerichtsdrama "Der Mann im Glashaus" festigte Schells Image als genialisch-dämonischer und zugleich enorm eitler Künstler.

Für Hollywood war Schell stets abonniert auf Rollen, die in irgendeiner Weise mit dem Zweiten Weltkrieg verknüpft waren. Das deutschsprachige Kino und Theater bot dem auch als Autor und Regisseur erfolgreich Tätigen jedoch genügend Ausdrucksmöglichkeiten, etwa in "Mädchen aus Flandern", der Kafka-Verfilmung "Das Schloss" oder in den von ihm selbst realisierten Spielfilmen "Der Fußgänger" sowie seiner Dürrenmatt-Adaption von "Der Richter und sein Henker". Doch der vielseitig musisch begabte Schell blieb ein Außenseiter in der intellektuell eher flachbrüstigen Filmbranche. Abgesehen davon hätte sein charismatisches Spiel mehr in die zu Beginn seiner Karriere endende Ära des großen Starkinos gepasst. Mit dem politischen, formal reduzierten deutschen Autorenfilm hatte Schell schon in jüngeren Jahren nichts am Hut.

Schell gab und gibt lieber den Gentleman und Weltbürger, der als Dandy mit schwarzem Schal und grauer Mähne der Limousine entsteigt und seiner unlängst verstorbenen Schwester Maria stets hilfreich zur Seite stand. In dieser Typisierung hat man ihn in den letzten Jahren auch immer wieder besetzt, egal ob in internationalen Großproduktionen oder in Fernsehmehrteilern zweifelhafteren Anspruchs. Den unmittelbarsten Eindruck von Schells Charakter gewinnt man jedoch in einem Film, der sich eigentlich gar nicht um ihn dreht: In der Dokumentation "Marlene", die Schell 1983 über die Dietrich drehte, die sich als einzige Diva erweist, der auch Maximilian Schell nur schwerlich das Wasser reichen konnte.

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