Das Genie aus der Au

München - Ein großer Einschnitt für Münchens Valentin-Karlstadt-Musäum: Ab morgen gibt es eine neue Dauerausstellung über Karl Valentin.

"Sturzflüge in den Zuschauerraum" war eine dieser irrwitzigen Brettlgschichten von Valentin. Darin mixte er Flugzeugtechnik-Narretei mit Schaulust und garnierte das mit philosophischen Loopings über die Probleme eines Aeroplans in einem doch recht kleinen Theater. Deswegen passt dieser Titel zu der neuen Dauerpräsentation über das "Universalgenie Karl Valentin" hervorragend zum Musäum. Dort muss ebenfalls das Unmögliche in einen Raum von 45 Quadratmetern im ersten Stock des Isartor-Südturms gepresst werden: ein extrem vielgestaltiges Künstlerleben und 800 Exponate.

Musäumschefin Sabine Rinberger hat die alte, arg verstaubte Bizarrerie-Wunderkammer beseitigt. Mit Hilfe von Spezialist Andreas Koll sowie den Ausstellungsgestaltern Petra Winderoll und Klaus Würth ist eine kompakte, informative und doch witzige Schau gelungen. Skurrile Objekte wie der gefangene Franzose - Handwerkszeug auf Stroh im Gitterkastl -, aber auch Instrumente und Masken-Elemente für die Auftritte wurden integriert. Der Besucher bekommt auf amüsante und visuell unterhaltsame Weise Valentins Biografie nahegebracht. Er kann die Stationen seiner künstlerischen Karriere vom Aufstieg bis zum Fall nachvollziehen. Und er bekommt durch Hörproben und Filme das Werk des Vielseitigen in Appetithappen verabreicht. Da schweben zum Beispiel Geige, Trompete, Zither in der Vitrine - und außerdem ein schokoladentafelgroßer Bildschirm, auf dem die "Orchesterprobe" läuft.

Derartige Kombinationen mit Pfiff gelingen häufig. In einer Wandnische des Turms bündeln sich die Episoden um die ersten Gehversuche des Volkssängers. Das Großfoto eines jungen "Wilden", Ausbildungsvertrag, Programmzettel von 1899 ("Karl Valentin: Imitation eines Grammophons"), kleine Aufnahmen und die Erinnerung an sein Pleiteunternehmen mit dem Hyper-Orchestrion. Daneben ein Kränzchen aus trockenen Halmen, ausgewiesen als Vogelnest voll von ungelegten Eiern. Der absolut treffende Kommentar zum Start jenes Brettl-Genies (1882-1948).

Im Inneren einer kleinen Rotunde - drumherum die Kunst - werden die Lebensstationen illustriert, inklusive der von Valentin akribisch archivierten Jugendlieben. Gerade die Jugend wird schön ausgeleuchtet: Die Kasperl-Puppe des Buben deutet eine erste Prägung an; das Kind im Pierrotkostüm und später der Mann als Musikclown in Ophüls' Film "Die verkaufte Braut". Selbst Aufnahmen von dem "Hundskrüppel" aus der Au hat man aufgetrieben, der Glasscherben ausstreute, um Sanitäter spielen zu können.

Daran erkennt man, dass die Ausstellung die erste ist, die alle Valentin-Archive - auch den Kölner Nachlass - benutzen konnte. Neben den 16 Tonstationen wurde ein kleines Kino geschaffen. Dort kann man sich die Filme komplett anschauen. In diesem Raum im zweiten Stock ist auch Liesl Karlstadt, die großartige Partnerin und Geliebte Valentins, präsent. Besonders die Aufnahmen zeugen von ihrer Wandlungsfähigkeit von der schicken 20er-Jahre-Dame über den "Firmling"-Lausbub bis zur mütterlichen Frau der Nach-Valentin-Jahre. Mit dieser Musäum-Neuinszenierung (180 000 Euro) und weiteren Projekten hat Kulturreferent Hans-Georg Küppers bewiesen, dass er zur 850-Jahr-Feier für die Stadt München nachholt, was diese an Valentin versäumt hat.

Ab 25. Juli, Isartor, Tal 50, täglich außer Mi./ Do., Tel. 089/ 22 32 66.

Valentin-Projekte

Valentin führt mit Zitaten durchs "Brillantfeuerwerk", das Werke aus Sammlungen Münchner Unternehmen im Haus der Kunst aufbietet (ab 11.9.). Das Deutsche Theatermuseum präsentiert "Karl Valentin. Filmpionier und Medienhandwerker" (ab 15.10.). Künstler von heute, "Valentins Erben", versammeln sich ab Oktober im Stadtmuseum. Die Monacensia zeigt die Ausstellung "Volkskünstlerinnen ­ Liesl Karlstadt, Bally Prell und Erni Singerl" (ab 25.11.).

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