Genie in jeder Hinsicht

- Die Münchnerin Rosel Zech ist eine der großen deutschen Theaterschauspielerinnen. Nach Jahren in Hamburg und Berlin lebt Zech seit 1980 in München. Zweimal drehte sie mit Rainer Werner Fassbinder, den sie aus der gemeinsamen Zeit am Bochumer Schauspielhaus 1972 bereits kannte.

<P>Sie haben in "Lola" mitgespielt, dann die Hauptrolle in "Die Sehnsucht der Veronika Voss" übernommen. Wie war es, mit Fassbinder zu drehen?<BR><BR>Zech: Ich kannte ihn von Bochum, wusste schon einiges. Dort war Fassbinder mit seiner Crew - da war die Irm Hermann dabei, Peer Raben, Udo Kier, Uli Lommel, Hanna Schygulla. Ich erinnere mich noch daran, was für ein selbstbewusster Haufen das war. Das hat mich sehr beeindruckt. Fassbinder arbeitete sehr schnell, da war immer Premiere. Man hat nicht viel fragen dürfen. Umgekehrt hatte Fassbinder ein unheimlich großes Vertrauen in Schauspieler. Meistens reden Regisseure einem Darsteller zu: Du musst auf dies und jenes Komma achten. Ich habe selten jemanden getroffen, der Schauspielern so gerne zugesehen hat. Alle haben sehr gerne mit ihm gearbeitet. Seine Energie war umfassend - er war der Motor für das ganze Team. Der kleinste Requisiteur fühlte sich bei dem noch angesprochen.<BR><BR>Wie sehen Sie ihn als Regisseur und als Mensch rückwirkend - aus dem Abstand von über 20 Jahren?<BR><BR>Zech: Der war so unerschrocken! Fassbinder war das einzige Genie, das ich in meinem Leben getroffen habe. In jeder Hinsicht. Der hat seine Arbeit geliebt, und er hat diese Liebe auch weitergegeben. Er war ein Liebender. Langsam setzt sich ja durch, dass das ein ganz Großer war - aber wie lange das gedauert hat!<BR><BR>Es gibt ja im Zusammenhang mit Fassbinder und seinem frühen Tod das Klischee von der Selbstzerstörung.<BR><BR>Zech: Naja, was heißt das? Ich weiß, wie schonungslos man mit sich sein kann, wenn man arbeitet. Und das gibt es, dass einer mehr Schmerz empfindet als alle anderen zusammen. Oder anders gesagt: Seine Opferbereitschaft war übergroß, seine Bereitschaft zu dienen. Der hat Verantwortung für sich übernommen, er hat etwas aus sich zu machen gesucht, zu schöpfen gesucht.<BR><BR>Was wünschen Sie sich für unseren Umgang mit Fassbinder?<BR><BR>Zech: Dass man endlich unvoreingenommen und offen seine Werke sieht und dass es eine Ehrung mit wirklichem Glanz gibt. Dass er endlich den Stellenwert bekommt, den er verdient und den er im Ausland längst hat. Denken Sie nur an die große Ausstellung im Centre Pompidou. Ich wünsche mir, dass Fassbinder als ein bedeutender Künstler in Deutschland offen und mit Stolz gesehen wird.</P><P>Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland<BR></P>

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