Genie und Opportunist

- Den einen war er ein Heiliger der Kunst, den anderen ein Opportunist auf den Wogen der Politik: Wilhelm Furtwängler, Vorbild und Legende, Hochbegabter auf unakademischen Wegen zum Stardirigenten. Herbert Haffner hat dieses Leben und Schaffen sorgfältig recherchiert, hat Quellen auf breiter Basis ausgewertet, Gespräche geführt, manches richtig gestellt. Er hat dabei den schwierigen, schwer zugänglichen Menschen Furtwängler ohne Beschönigungen ein ganzes Stück näher gebracht.

<P>"Ein Autokrat mit einer schüchternen Seite" urteilte sein langjähriger Flötist Aurè`le Nicolet. Hans Pfitzner: "Ein Primadonnerich." Viele Wesenszüge werden hier verdeutlicht: seine Überempfindlichkeit, sein Jähzorn, seine Weltabgewandtheit. Manches erklärbar durch das behütende Elternhaus. Vater Adolf, der bedeutende Kunsthistoriker, war erst in Berlin, wo Wilhelm 25. Januar 1886 geboren wurde (gestorben am 30. November 1954 in Ebersteinburg/Baden-Baden), dann in München, wo er aufwuchs, stets voll drängender Bewunderung für den Sohn. </P><P>Die Schilderung der Münchner Gesellschaft mit ihren Salons ist lebendig und informativ, wenn auch überwiegend geläufig: Bertel von Hildebrand, Tochter des Bildhauers, die Geschwister Friedrich und Elisabeth Huch.<BR><BR>Abstrahiert man von Furtwängler die Musik, so zeigt sich ein großer, schlanker, sportlicher, hoch intelligenter Mann mit Vorliebe für große Hunde und Autos, der zeitlebens auf Frauen gewirkt hat; Vater einer nicht exakt feststellbaren Anzahl von Kindern. Nach vier Mesalliancen brachte erst die Ehe mit der viel jüngeren Elisabeth Ackermann die Erfüllung. </P><P>Die Vita des "größten Interpreten, der je gelebt hat" (Joachim Kaiser), ist weithin bekannt, auch in ihrer politischen Dimension, die ja ihre Voraussetzungen hat im latenten Antisemitismus des deutschen Bildungsbürgertums, im Hervorheben einer deutschen Kulturnation. Der "Machtergreifung" steht Furtwängler unsicher gegenüber. Propagandaminister Goebbels meinte viel später: "Er nimmt gern die Machtmittel des nationalsozialistischen Staates in Anspruch, wenn sie ihm dienen können."<BR><BR>Furtwänglers Verhalten für oder gegen Juden ist durchaus selektiv: Musikern und Sängern oft von gefahrvoller Selbstlosigkeit verbunden; Heinrich Schenker, dem Musikwissenschaftler, in Verehrung; Berta Geißmar, seiner "Geschäftsführerin", in fast familiärer Vereinnahmung. Bei den Konzerten zu Hitlers Geburtstag wird der Chef der Berliner Philharmoniker immer rechtzeitig krank. Die enge Verbindung von Winifred Wagner mit dem "Führer" war und blieb ihm suspekt. Als sich alles zum Schlechten fügt, findet er Fürsprache für sein Orchester und für sich selbst, bei Ernest Ansermet, ohne den Furtwänglers Aufenthalt in der Schweiz am Kriegsende nicht möglich gewesen wäre. </P><P>Die Rückkehr über Wien nach Berlin im sowjetischen Militärflugzeug und in die Arme von Johannes R. Bechers Kulturbund erscheint geradezu filmreif. 1946 dann, vor der Spruchkammer in Berlin: "Die Sorge, vom Nationalsozialismus für seine Propaganda missbraucht zu werden, musste für mich zurücktreten vor der größeren Sorge, die deutsche Musik, soweit es ging, in ihrem Bestand zu erhalten." Das ist eine seltsame Mischung aus Rechtfertigung und fehlgeleitetem Idealismus.<BR><BR>"Ein Primadonnerich" Hans Pfitzner über Furtwängler</P><P>Der Komponist Furtwängler kommt - natürlich mit den Riesenwerken der drei Symphonien und des Klavierkonzerts - nur am Rande vor, auch der geschätzte Pianist. Und der Dirigent? Selbst ein Genie lässt sich einordnen: Toscanini war 20 Jahre älter, Karajan ebenso viel jünger. In der Beurteilung des charismatischen Orchesterleiters findet Haffner treffende Worte. </P><P>Das Zusammenwirken seiner Wesenszüge, die Mischung aus gesteigertem Sendungsbewusstsein und Unsicherheit erschwerten ihm das Verhältnis zu anderen Dirigenten. Zustimmung fanden bis auf vorüberziehende Schatten Celibidache und Bernstein, den zu treffen er dennoch vermied. Ein Sonderfall war das Verhältnis zu "Herrn Ka.", Herbert von Karajan: anfangs belastet durch die Rivalität Göring-Goebbels wegen deren sich überschneidenden Kompetenzen, später hochstilisiert zur offenen Feindschaft, nach außen erkennbar in der Aufteilung Furtwängler/Salzburg, Karajan/Bayreuth. </P><P>Mit "Celi" hatte "Fu" eines gemeinsam: die Skepsis gegenüber Tonaufzeichnungen. Haffner zitiert einen Furtwängler-Ausspruch aus dem Studio nach erbetener Korrektur eines wackligen Einsatzes: "Wir sind hier nicht in Amerika! Was zusammen ist, bestimme ich!" Das ist die Position das unfehlbaren Genies.</P><P>Herbert Haffner: "Furtwängler". <BR>Parthas Verlag, Berlin. <BR>494 Seiten, 39,80 Euro.<BR><BR><P>Das Buch über unseren Partner amazon.de bestellen: <BR> Herbert Haffner: "Furtwängler" </P></P>

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