"Genieße Freundlichkeit"

- "Welcher Drang wird uns nun retten, nachdem es der Sex nicht tut?" In dicken, rot leuchtenden, akkuraten Lettern schlängelt sich der Schriftzug entlang der Konturen einer kurvigen Blondine. Lasziv und spärlich verborgen unter einem blauen Kleidchen räkelt sich die moderne Odaliske, die Haremsfrau fürs Privatkabinett, nun öffentlich vor einer grauen Großstadtlandschaft. Hinter ihr Anzeichen der Graffiti-Szene, darüber ein wohl eher apokalyptischer statt romantischer rötlicher Himmel.

<P>Die Ausbeutung der Intimitäten als letzte Quelle des Überlebens und des Aufrüttelns hat ausgedient. Wir sind mitten drin in der Abgerissenheit und endzeitlichen Aussichtslosigkeit des Heute und Jetzt.</P><P>Und wir sind mitten drin in einer Szene, die seit den 80er-Jahren überall deutlich ihre Spuren hinterlassen hat. Eine der bekanntesten Sprayer ist Lady Pink, die sich für dieses hippe Kunstprojekt mit der überaus nachdenklichen und sehr politischen Jenny Holzer zusammengetan hat. Für diese späte erste Ausstellung der Arbeiten in der Münchner Galerie Monika Sprüth/ Philomene Magers haben die beiden auch ein neues Werk geschaffen: "What urge will save us now that sex won't."</P><P>Die Aktualität der Bilder ist dabei traurige Wahrheit. Jenny Holzer fasst mit ihren Texten immer die Befindlichkeit, die Ängste, die Grausamkeiten der Welt zusammen. Lady Pink sprüht regelrechte Untergangsstimmungen. Beide Frauen waren vor gut 20 Jahren in öffentlichen Gebäuden, an Plakatwänden und im gesamten Straßenbild New Yorks präsent. Holzer lud die Sprayerin dann zur Arbeit auf Leinwand in ihr Atelier ein, dazu kam noch Ilona Granet, die die Texte grafisch gestaltete.</P><P>"Genieße Freundlichkeit, weil Grausamkeit immer möglich ist": Dieser Mahnruf prangt über dem zweigeteilten Bild, das einerseits ein nettes Frauengesicht in einer bunten Stadtszene, andrerseits Armut und Krieg darstellt. Elemente aus Comic und Malerei vermischen sich zu dichten Bildern, deren Aussage in einem schlagenden Satz fokussiert wird. Es sind Aufrufe, die für unblutige Visionen vor regelrechten Schlachten plädieren, wo Totenköpfe Kummer klagen, Straßenkämpfe und weltweite Gewalt zugleich angeprangert werden. Weiche Sprayeffekte und aggressive Enge, dazu die glasklaren Botschaften machen eine Mischung, die, wie immer bei Jenny Holzer, unter die Haut geht. </P><P>10. bis 31. Januar, Tel. 089/ 33 04 06 00.</P>

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