Der Genius des Soul

- Ray Charles war eine Soul-Legende. Oder war er doch eher einer der wichtigsten Bluesmusiker? Eigentlich, sagen Jazz-Enthusiasten, war er ein ganz großer Jazzer. Und die Kirche, die ihm einst grollte, würdigt Amerikas Supermusiker, der, wie in einem Teil unserer Freitag-Ausgabe bereits gemeldet, am Donnerstag mit 73 Jahren starb, nun als bedeutenden Gospelinterpreten. Dabei hat sich "Brother Ray", der erheblichen Einfluss auf Generationen von Musikern und auf Amerikas Kultur hatte, gegen alle Versuche gewehrt, in irgendwelche Schubladen gesteckt zu werden.

<P>"Meine Ohren sind wie Schwämme", pflegte Charles zu sagen, der 1930 in der Kleinstadt Albany im Südstaat Georgia in einfache Verhältnisse hineingeboren wurde. "Sie saugen alles auf." Selbst im Jodeln hat er sich versucht. "Ich weiß, wie das geht, aber ich mache es lieber doch nicht."</P><P>Anfang der 50er-Jahre verschmolz er den weltlichen Blues der einfachen Afroamerikaner mit den Gospelgesängen in deren Kirchen. Das trug ihm den Titel "The Genius of Soul" ein, wenn auch zum Ärger so mancher Prediger. Charles wandelte Loblieder auf den Herren in erotisch angehauchte Songs aus dem wahren Leben um. Den Gospel-Chorgesang arrangierte er zu deftigem Blues. "Soul ist, wenn du einen Song zu einem Teil von dir machst - einem Teil, der so wahr ist, dass die Leute glauben, du hast alles selbst erlebt", sagte Charles.</P><P>Ihm musste man das abnehmen. Schon wegen dieser Stimme, die unwiderstehlich unter die Haut ging. Schön würden die meisten Leute seinen Gesang wohl nicht nennen. Aber er war wahrhaftig. Seine Stimme konnte energisch sein, klagend, triefend vor Unglück, fordernd, schreiend, hauchend, sie konnte explodieren und voller Unschuld säuseln.</P><P>"Selbst in seinen Jugendjahren", schrieb die "New York Times", "klang er wie die große Stimme der Erfahrung, wie jemand, der alle Hoffnungen und alle Torheiten der Menschheit gesehen hat." Ray Charles, der mit sechs Jahren sein Augenlicht verlor, war auf seine Weise ein großer Seher.</P><P>Musikalische Meisterschaft erreichte der Sohn eines Eisenbahners und einer Wäscherin bei fast allem, was er ausprobierte. Ob als Sänger oder Arrangeur, Pianist oder Organist, Saxofonist, Trompeter oder Orchesterleiter. Dafür - und natürlich auch für seinen enormen kommerziellen Erfolg - wurde er mit Preisen überschüttet, darunter 15 Grammys.</P><P>Das Klavierspielen hatte er an der St. Augustine School für Blinde in Florida gelernt, wo bald auch die Klarinette sein Instrument wurde. Mit 17 stellte Charles eine Band zusammen. 1951 landete er seinen ersten Hit: "Baby, Let Me Hold Your Hand". Weltbekannt wurde er 1955 mit "I/ve Got a Woman". Es folgte eine "Ohrwurm"-Serie von Songs, die alle bis dahin noch hörbaren Grenzen zwischen Blues und Gospel überwanden, darunter "A Fool For You" und "Hallelujah, I Love Her So." Ein weiblicher Background-Chor war fast immer dabei.</P><P>1970 wurde sein Klassiker "Georgia On My Mind" zum offiziellen Song des Bundesstaates, in dem er geboren wurde. Vier Jahre vorher hatte es so ausgesehen, als sei das Ende einer großen Karriere vorzeitig gekommen. Charles wurde wegen Heroinbesitzes festgenommen. Er gab zu, sich das Rauschgift seit seinem 16. Lebensjahr gespritzt zu haben, begann eine qualvolle Entziehungskur und berichtete später: "Nach drei Monaten hatten mich die Ärzte wieder hingebogen, und seitdem brauche ich den Stoff nicht mehr."</P>

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