Genuss von Kopf bis Fuß

- "Ich wollte mich nicht so wichtig machen." Ein Satz, der Judith Turos charakterisiert. Über einen langen Zeitraum war die gebürtige Ungarin Primaballerina des Bayerischen Staatsballetts. Heute ist der Merkur-Theaterpreisträgerin im Münchner Nationaltheater der Hans-van-Manen-Abend gewidmet. Womit quasi ihr professioneller Übergang von der Star-Tänzerin zur Star-Macherin öffentlich beglaubigt wird. Denn Judith Turos wird zukünftig als Ballettmeisterin das breite Spektrum ihres Könnens an die junge Compagnie weitergeben.

Also keine große Gala. Denn Judith Turos, die seit 24 Jahren zur Bayerischen Staatsoper beziehungsweise zum Staatsballett gehört, hatte für Außenstehende ziemlich abrupt das Tanzen beendet: "Ich musste aufhören vor zwei Jahren. Die Knorpel waren kaputt. Schon lange. Aber ich hatte nichts gesagt. Ich konnte sehr gut kaschieren, das war in den letzten Jahren meine Spezialität. Die kinderballdicken Knie nach einer Vorstellung sah ja niemand. Ich habe mir nicht anmerken lassen, was ich durchmachte. Bis ich nach der letzten ,Widerspenstigen keine Hoffnung mehr hatte, noch einmal so viel Kraft aufzubringen."<BR><BR>Keine Gala auch deswegen, weil sie sich eben nicht so in den Mittelpunkt drängen will, denn: "Das ist doch heute Abend kein richtiger Abschied. Ich bin ja weiterhin dabei." Sie freut sich auf die neue Aufgabe: "Plötzlich Verantwortung für viele Menschen zu haben und nicht mehr nur für mich allein, das ist ein anderes, ein gutes Gefühl. Wenn ich auch zugebe, dass es nicht einfach ist."<BR><BR>Was ein Ballettmeister heute zu tun hat? Turos: "Das tägliche Training, Einstudierungen, Coaching. Das Ballett probiert nonstop. Man muss immer das höchste Niveau halten."<BR><BR>Rückblickend auf ihre aktive Solistenzeit - was waren ihre glücklichsten Momente? Turos: "Am Anfang ,Romeo und Julia - da war ich wie im siebten Himmel; dann ,Shannon Rose - ein wirklicher Charakter; und natürlich ,Die Kameliendame - eine ganz komplexe Erfahrung. Danach habe ich mir gesagt: Jetzt kann ich sterben; denn mit dieser Rolle habe ich einen Moment erlebt, den man nur einmal im Leben hat. Ein kompletter Genuss - von Kopf bis Fuß."<BR><BR>Ihr Ziel als Ballettmeisterin umschreibt Judith Turos folgendermaßen: "Den Menschen kennen zu lernen und ihm zu helfen, sich selber in der Kunst zu finden. Er sollte mehr sein als nur ein guter Tänzer, er muss ein Persönlichkeitstänzer werden. Er muss sich öffnen können, sein Herz, seine Seele, seinen Kopf, sodass es eine Befreiung ist. Aufpassen aber muss man, dass über den Gewinn der Freiheit nicht die Disziplin verloren geht. Bei all dem will ich behilflich sein."

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