Der Genussschauspieler

- Zum Geburtstag ein Neuanfang. Oder jedenfalls der würdige Abschluss einer lang gespielten, lieb gewonnen, kongenial interpretierten Rolle, das ist das Geschenk, das sich Lambert Hamel selbst macht. Denn wenn er morgen, am 7. Juni, seinen 65. Geburtstag feiert, dann spielt er zum 145. Mal Thomas Bernhards "Theatermacher". In Hans Lietzaus Inszenierung - und zum letzten Mal. Nicht, dass Lambert Hamel seinen durch die Lande tingelnden Staatsschauspieler Bruscon satt hätte. "Ich werde ihn immer lieben, vielleicht einmal als Lesung bringen", sagt Hamel. "Aber ich möchte nicht, dass ich damit ein Dauerbrenner bin. Ich habe so viele Abende mit ihm verbracht, ihn vor mehr Menschen gespielt, als so ein Stadion fasst. Ich gebe damit etwas auf, was gelebt ist."

"Es gab gigantische Verrisse in meiner Laufbahn. Die schlimmsten kann ich auswendig."<BR>Lambert Hamel<P>Neue Rollen locken ihn, den unermüdlich neugierigen Menschenforscher, denn Entdeckungen konnte er nicht mehr machen bei seinem Bruscon. Ihn zu spielen, sei zwar "höchster Genuss, denn null Prozent davon sind inzwischen Kopfarbeit", schwärmt mit glänzenden Augen Hamel, der sich auch "Genussschauspieler" nennt. 1988, als er den Bruscon an den Münchner Kammerspielen einstudierte, da habe er sich die Sätze erst erspielen müssen. Aber jetzt, anderthalb Jahre nach der Wiederaufnahme am Residenztheater, wohin Hamel mit Dieter Dorn 2001 gewechselt ist, stellt der Künstler ein wenig wehmütig fest: "Ich muss den Text nur noch sagen. Mit dem Alter und seinen Wehwehchen hat mich die Wahrheit eingeholt." <BR><BR>Nein, möchte da protestieren, wer den in seiner Haltung so jungen, in seiner Kunst so zeitlosen Schauspieler auf der Bühne sieht. "Da wir uns aber nicht umbringen, weil wir uns nicht umbringen wollen, wenigstens bis heute und bis jetzt nicht, da wir uns also bis heute und bis jetzt nicht umgebracht haben, versuchen wir es immer wieder mit dem Theater", rezitiert Hamel plötzlich. "Heute sage ich das nicht nur, heute ist das so, wenn es einem im Leben immer wieder nicht gut gegangen ist, man verzweifelt war." Verzweifelt? Ein so glanzvoller und erfolgreicher Schauspieler? Eine Rolle wie Bruscon sei auch die beste Medizin, gibt Hamel da verschmitzt lächelnd zu. <BR><BR>Aber so, wie er auf der Bühne im hoffnungsvoll Heiteren die Katastrophe aufscheinen lassen kann, wirkt auch hier ein Schmerz nach: "Es gab gigantische Verrisse in meiner Laufbahn. Die schlimmsten kann ich auswendig. Wenn jemand enttäuscht ist von meiner Arbeit, kann ich das verstehen. Aber ich hasse Zynismus und Politik in einer Kritik." 1980, als er bei Ernst Wendt einen ganz gegen den Strich besetzten "Hamlet" spielte, muss so eine Krise gewesen sein. "Aber dass man als Hamlet Krisen hat, gehört dazu", lacht er jetzt. "Hamlet" war so etwas wie ein persönlicher Wendepunkt. Denn als sein Vater davon am Telefon erfuhr, habe dieser geweint: "Er wusste, jetzt war ich in München angekommen." Der Vater nämlich hatte ihn zu einem Studium gedrängt. Und auf Pfälzisch gibt der gebürtige Ludwigshafener zum Besten, wie der Vater die Schwestern aufforderte, den künftigen Hungerleider durchzufüttern. <BR><BR>"Das war nicht nötig", stellt Hamel befriedigt fest. "Schon als ich klein war, wollte ich Schauspieler werden. Obwohl ich ohne Kunst tief in der Provinz aufwuchs." Während des Philosophie- und Theaterwissenschaftsstudiums in Köln erprobte er sich auf der Studiobühne. "Ich schlich mich so allmählich zum Schauspielen hin." Bestärkt hat ihn darin kein Geringerer als Rudolf Badenhausen, damals Professor und Chefdramaturg von Gustaf Gründgens. Und so beschreibt Hamel als sein größtes Glück: "Dass ich immer zu rechten Zeit den richtigen Menschen begegnet bin. So etwas kann man nicht fordern, das ist Glück."<BR><BR>"Ich fühle mich im festen Ensemble frei."<BR>Lambert Hamel</P><P>Auch seine besondere Gestaltungsgabe, dieses zugleich präzis Analytische und anrührend Schöpferische, wenn er einer Figur spielt, führt Hamel auf solche Begegnungen zurück: "Fritz Kortner, Hans Lietzau, Ernst Wendt und Dieter Dorn. Sie haben alle minutiös am Wort gearbeitet. Ähnlich wie jemand, der sich mit Musik beschäftigt. Ob das Stück nun modern oder klassisch ist, ist dabei gleichgültig. Über die Sätze und Worte entsteht die Figur. Sonst bekommt sie keinen Gehalt." Und schon führt Hamel die gestammelten, eigentlich falschen Betonungen von Lessings "Nathan" vor, der in existenzieller Not seine Rettung in der Ringparabel sucht. 1995 gab Hamel ihn in Alexander Langs Inszenierung an den Münchner Kammerspielen. <BR><BR>Über zwanzig Jahre spielte er dort. Und seit 1985 gehört er zum Ensemble Dieter Dorns. Dreiviertel seiner Arbeit verbrachte er fest im Ensemble. "Das war eine Entscheidung, denn neben Film oder Fernsehen als Hauptarbeit kann man kein Theater mehr spielen. Ich fühle mich im festen Ensemble frei: Weil ich weiß, wer neben mir steht. Das gibt unglaublich viel Kraft und Niveau. Man entwickelt sich gemeinsam weiter. Es schließt sich jetzt mit 65 Jahren ein Kreis: Das, was ich als kleiner Junge werden wollte, habe ich mir erfüllen können." Was kann sich so jemand noch wünschen? "Gesundheit natürlich, damit ich ohne Schwierigkeiten weiter Theater machen kann. Und dass ich besonders gut bin bei meinem letzten ,Theatermacher."<BR><BR></P>

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