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Es ist vollbracht: Loomit (li.) und Won ABC vor ihrem Georg-Elser-Wandgemälde.

Georg-Elser-Wandgemälde am Münchner Pressehaus

Who‘s who auf Münchens größtem Graffito?

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Die Streetart-Künstler Won ABC und Loomit erinnern mit ihrem Wandgemälde an Johann Georg Elser (1903-1945), der Hitler mit einer selbst gebauten Bombe stoppen wollte. Wir erklären, wer auf dem Graffito zu sehen ist. 

München – Es ist vollbracht: Bis Freitagvormittag sprayte Won ABC noch an Darth Vader, dem Bösewicht aus der „Star Wars“-Saga, während sein Kollege Loomit bereits am Donnerstagabend letzte Feinheiten an der Darstellung des zerstörten Bürgerbräukellers ausarbeitete und die Jahreszahl 1939 an der Wand anbrachte. Heute, am 4. August, kann im Rahmen des „Streetfood Friday“ im Pressehaus an der Bayerstraße das 22 Meter hohe Graffito, das Hitler-Attentäter Johann Georg Elser (1903-1945) zeigt, erstmals aus der Nähe betrachtet werden. Das Gemälde ist eine gemeinsame Aktion der beiden Streetart-Künstler Loomit und Won ABC, der Stadtsparkasse München, dem „Münchner Merkur“ und der „tz“, der Färberei, einer Einrichtung des Kreisjugendrings, die sich um Straßenkunst kümmert, sowie der Macher der Ausstellung „Magic City“, die noch bis 3. September in der Kleinen Olympiahalle zu sehen ist. Das Werk erinnert an jenen Mann, dessen selbst gebaute Bombe Adolf Hitler am 8. November 1939 um 13 Minuten verfehlte – der Diktator verließ den Bürgerbräukeller früher als vorgesehen.

Das Zentrum des Bildes ist dominiert vom Porträt Elsers, der mit Schraubendreher und Schraubenschlüssel an der Bombe baut. Won ABC, der am Montag nach Moskau fliegt, wo eine Ausstellung mit seinen Werken eröffnet wird, hat Elser so gemalt, dass der Betrachter den Eindruck hat, die Figur schaue ihn an – egal, von welcher Position man auf ihn blickt. Um das Konterfei herum hat Won ABC Charaktere aus Historie und Popkultur gruppiert und sie in Beziehung zu Elser und dessen Tat gesetzt. Die Zeichnungen erinnern an Gebäude, weil „die Welt immer urbaner wird“, wie Won ABC erklärt. Außerdem habe Elsers Attentat in der von den Nazis sogenannten „Hauptstadt der Bewegung“ stattgefunden.

Wir stellen die wichtigsten Motive vor, beginnend links oben gegen den Uhrzeigersinn:

Die Nummerierung erklärt, wer auf dem Bild zu sehen ist. 

1.) Julius Cäsar

Der römische Imperator (100 v. Chr. bis 44. v. Chr.) fiel nach seiner Ernennung zum Diktator auf Lebenszeit einem Attentat zum Opfer. „Das ist wahrscheinlich der in der westlichen Welt bekannteste Tyrannenmord“, erklärt Won ABC. Er lässt seine Cäsar-Figur, deren Haupt mit Lorbeer gekränzt ist, den Daumen der linken Hand senken – die Geste erinnert an das Todesurteil des Herrschers für einen unterlegenen Gladiator. Heiligenschein und das einzelne Auge in der Darstellung spielen auf die Machtfülle eines Gottes an.

2.) Daniel Düsentrieb und sein Helferlein

Die Comicfigur von Walt Disney ist der einzige Charakter auf dem Wandgemälde, der nichts direkt mit Tyrannen(-mord), Zivilcourage und Freiheitskampf zu tun hat. Vielmehr stehen der geniale Tüftler, der seinem Motto „Dem Ingeniör ist nichts zu schwör“ folgt, und sein Helferlein in Form einer Glühbirne mit Armen und Beinen für den Erfindungsreichtum sowie das technische und handwerkliche Geschick Elsers, der seine Bombe allein gebaut und im Bürgerbräukeller versteckt hat. „Eigentlich war Elser ja Kunstschreiner“, sagt Won ABC.

3.) Judge Dredd

Die Comicfigur, die Autor John Wagner und Zeichner Carlos Ezquerra ersonnen haben, ist die ambivalenteste Figur auf der Wand: Er ist Polizist, Richter und Vollstrecker seiner eigenen Urteile – eine Machtfülle, die an jene eines Diktators erinnert. Um dieses „Sowohl als auch“ noch deutlicher herauszuarbeiten, hat Won ABC dem Charakter einen Adler zur Seite gestellt: ein Motiv, das auch in der NS-Symbolik regelmäßig auftaucht. Auf Judge Dredds Gürtelschnalle steht die Zahl 1812. Im Juni jenes Jahres erklärten die Vereinigten Staaten von Amerika Großbritannien den Krieg, auch bekannt als „Zweiter Unabhängigkeitskrieg“. Die Ziffernfolge 1–8–1–2 markiert aber auch Buchstaben im Alphabet und steht für „All Hitlers Are Bastards“, frei übersetzt bedeutet das so viel wie „Alle Diktatoren sind Verbrecher“.

4.) Robin Hood 

Der Held, der erstmals in spätmittelalterlichen Balladen erwähnt wurde, gilt heute als „Rächer der Enterbten, Beschützer von Witwen und Waisen“ – obwohl die Figur, die Sherwood Forest unsicher macht, zunächst alles andere als positiv dargestellt wurde. Durch zahlreiche dramaturgische Umformungen, nicht zuletzt in Hollywood, ist der Held in Strumpfhose längst Prototyp des Beschützers all jener, die unter der Willkürherrschaft (nicht nur) des Sheriffs von Nottingham leiden. Wer sich das Graffito genau anschaut, erkennt in der Pfeilspitze die Ziffern 1 und 8. Sie stehen für die Buchstaben „A“ und „H“ – Robin Hoods Pfeil ist also für Hitler (im übertragenen Sinn: für alle Diktatoren) vorgesehen. 

5.) Zorro

Der maskierte Held mit Degen ist Zorro („Fuchs“ auf Spanisch). Die Figur tauchte 1919 erstmals in einem Groschenroman von Johnston McCulley auf und ist heute vor allem durch zahlreiche Verfilmungen bekannt. Die Geschichte spielt ursprünglich Anfang des 19. Jahrhunderts: Zorro heißt Don Diego de la Vega und ist ein reicher, unbescholtener Bürger. Getarnt mit Maske und Umhang wird er jedoch zum Rächer der Unterdrückten und zum Kämpfer gegen die spanische Kolonialherrschaft.

6. He-Man

He-Man war eine beliebte Actionfigur in den Achtzigern. Der blonde Held wurde nicht nur als Spielzeug verkauft, es gab Comics, Zeichentrick- und Realfilme sowie Hörspiele. Zunächst galt He-Man als Abkömmling eines Barbarenstamms, später verwandelte er sich dank seines Zauberschwerts in Prinz Adam. Wie auch immer: Er kämpfte für das Gute und gegen das Böse, etwa in Gestalt Skeletors, dessen Schädel He-Man hier in Händen hält.

7.) Darth Vader

Hinter der schwarzen Ganzkörperuniform verbirgt sich Anakin Skywalker. Der Jedi-Ritter gilt in George Lucas’ Science-Fiction-Opus „Star Wars“ als auserwählt, um das Gleichgewicht der Macht herzustellen. Doch er verfällt der „dunklen Seite“ und wird zu Darth Vader, einem von allen gefürchteten unbarmherzigen Vollstrecker des Willens seines Imperators.

8.) Justitia

Die Göttin der Gerechtigkeit wird seit dem Mittelalter mit Augenbinde, Waage und Richtschwert dargestellt. Won ABC ist es wichtig, auf die moralische Dimension des Tyrannenmords hinzuweisen: Es gehe um die Frage, ob man (wenige) Unschuldige töten dürfe, um viele andere Menschen zu retten. Elsers Bombe riss acht Menschen in den Tod, auch eine Kellnerin, die weder NSDAP- noch SA-Mitglied war. Dass Elser damit rechnete, gefasst zu werden, symbolisieren die Bomben in Sträflingskleidung auf seinem Kopf, die durchschnitten werden. Das Motiv deutet auf die Ermordung – nicht nur Elsers – im KZ hin.

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