„St. Georg II“ vom Februar 1911 zeigt, wie Kandinsky das Motiv abstrahierte. Ritter, Königstochter, Pferd und Drache sind nur noch mit Mühe zu erkennen.

Der Hl. Georg und sein blauer Bruder

Murnau - Im Jubiläumsjahr präsentiert das Schlossmuseum Murnau die Schau „1911 – Kandinskys Reiter für den Almanach“. Die Ausstellung ist bis 11. März zu sehen.

Was hat es mit diesem Reiter eigentlich auf sich? Wo kommt er überhaupt her? Diesen Fragen geht die Sonderausstellung „1911 – Kandinskys Reiter für den Almanach“ im Schlossmuseum Murnau nach. Die Marktgemeinde ist dafür der ideale Ort, nicht nur weil Wassily Kandinsky dort vor 100 Jahren zusammen mit Künstlerkollegen den Almanach „Der Blaue Reiter“ konzipiert und den Umschlagentwurf (elf Varianten) geschaffen hat. Nein, es gab auch die Ansicht, der Name „Murnau“ stamme von „Wurmau“ – da ist natürlich ein Lindwurm nicht weit. Und wo dieses Viech auftaucht, lässt der Retter nicht auf sich warten. So streckt der Hl. Georg an diversen Murnauer Plätzen den Drachen nieder. Jetzt aber haben sich diese George – und viele andere vor allem aus Russland und Rumänien – versammelt, um ihrem kunsthistorisch berühmtesten Vetter zu huldigen: dem Blauen Reiter. Er gab der weltweit bedeutenden Künstlergruppe ihren Namen (erste Schau 18. 12. 1911).

Der Hl. Georg, hier von Hans Mair von Landshut, inspirierte Wassily Kandinsky zu seinem „Blauen Reiter“.

Museumschefin Sandra Uhrig will sich im zu Ende gehenden Jubiläumsjahr ganz auf diese Gestalt des Reiters und Ritters konzentrieren, die bei Kandinsky schon immer eine wichtige Rolle gespielt hat, wie seine zierlichen Jugendstilgrafiken von 1903 in der Schau belegen. Mit diesem Motiv aus Mensch und Pferd „ritt“ der Russe, der in Bayern seinen künstlerischen Durchbruch hatte, übrigens peu à peu in die Abstraktion. Auch das wird in der Präsentation deutlich: zwar nicht an den ganz großen Beispielen, an den intimen freilich, wie einem sprühend wild-wehenden Gewurl in Rot, Grau und Weiß oder den „Drei Reitern in Rot“ (Druckgrafik), kommt sie dem Betrachter wirklich nahe. Zumal wohl kaum jemand der Heiterkeit der Bilder widerstehen kann.

Zunächst aber begegnet uns der Almanach, das illustrierte Buch, das dann 1912 als geheftete, gebundene Ausgabe sowie Luxus- und Museumsausgabe (zehn bis 100 Mark) im Münchner Piper Verlag erschien. Piper wollte das Wort „Almanach“ in der Umschlagillustration vermieden wissen, denn damit wurden Nachfolge-Publikationen quasi erzwungen. Im Blick auf die Finanzen fürchtete der Geschäftsmann ein Periodikum. Der hier gezeigte Entwurf, den Kandinsky Franz Marc am 1. September 1911 gewidmet und als Ort „Murnau“ darauf notiert hat, enthält noch „Almanach“. Und einen Georgsritter, der ebenso ein Hl. Martin wie ein Indianer mit Federschmuck sein könnte.

Der Hl. Georg hat allerdings das Vorrecht, denn er gehört unabdingbar zu Russland und deswegen grüßte er heimatlich Kandinsky in Bayern. 1908 wurde sogar eine neue Statue in Murnau (Georgsbogen) aufgestellt, und im uralten „Ähndl“, dem Ramsachkircherl am Rand des Mooses, tänzelt der schlanke Ritter sogar auf dem Lindwurm (um 1500). Gerade die sehr steile Lanzen-Führung scheint den Maler inspiriert zu haben. Beide Georg-Figuren sind nun im Museum zu sehen. Darüber hinaus kann der Besucher Ikonen und Hinterglasbilder, aber auch Werke von Lucas Cranach d.Ä. und Albrecht Altdorfer entdecken – ganz abgesehen von Fotos der einstigen Drachenstich-Freilichtaufführung.

Bis 11. März, Telefon 08841/ 476 207;

Begleitheft: 15 Euro.

Simone Dattenberger

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