Georg-Büchner-Preis für Brigitte Kronauer

- Darmstadt - Die Hamburger Schriftstellerin Brigitte Kronauer (64) ist am Samstag mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet worden. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verlieh der Autorin die mit 40 000 Euro dotierte Auszeichnung zum Abschluss ihrer Herbsttagung in Darmstadt. Das Präsidium der Akademie würdigte sie als "Meisterin des Vexierspiels, der höheren Heiterkeit und des musikalischen Schreibens".

Sie richte "ihren Sinn für das scheinbar Banale, für Komik, Erotik und Sarkasmus hellhörig und präzise auf alles Doppelbödige in Gefühlen und Gesten".

Kronauer sprach sich in ihrer Dankesrede anhand von Georg Büchners Figur des Woyzeck aus dem gleichnamigen Drama für das Recht auf Künstlichkeit in der Literatur aus. Büchner lasse Woyzeck, den Prototypen des "kleinen Mannes", selbst in höchster Not komplexe Gedanken in einer für sein Milieu höchst unpassenden Sprache äußern. Damit rufe die Dramenfigur eine wahre Revolution aus: "Nicht die Erkenntnis, dass, recht unverbindlich, alle Menschen Menschen und irgendwie auch Brüder sind. Vielmehr, dass kein Mensch, ob Überflieger oder nicht, flach ist, simpel ist."

"Büchners Protagonist wird nicht zurückgescheucht in die Sprachhülsen, in die reale Sprachlosigkeit seiner Klasse", sagte Kronauer. "Geschähe ihm das, würde es seinen Vorgesetzten und einem arrogant geschwätzigen Publikum bequem gemacht." Büchner habe genau gewusst, "dass Literatur mit ihren Charakteren und Geschichten immer etwas Künstliches, Inszeniertes, vom Leben Inspiriertes und ihm Verpflichtetes, aber nie von ihm Abgeschriebenes ist".

Literatur müsse zwar oft ein "Gegner der Gesellschaft und ihrer zeitgeistlichen Zumutungen" sein, stelle aber stets "den treuesten und streng fordernden Freund des Individuums dar", sagte Kronauer.

Der Feuilletonchef der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Patrick Bahners, würdigte das Werk der Autorin in seiner Laudatio als "Schatzhöhle". In ihren Texten entstehe ein "gewaltiger Effekt von Dreidimensionalität". Der Büchner-Preis gilt als renommierteste literarische Auszeichnung Deutschlands. Die Akademie ehrt damit jährlich deutschsprachige Schriftsteller und Dichter, die "an der Gestaltung des gegenwärtigen deutschen Kulturlebens wesentlichen Anteil haben".

Akademie-Präsident Klaus Reichert äußerte sich während der Feierstunde besorgt über die Aussichten für die Kulturpolitik des Bundes unter einer großen Koalition. Die Kulturpolitik drohe zu einer vernachlässigenswerten Größe zu werden, "die sich beliebig hin und her schieben lässt".

Neben Kronauer ehrte die Akademie den Philosophen Peter Sloterdijk mit dem Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa und den Psychoanalytiker und Schriftsteller Hans Keilson (95) mit dem Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay. Beide Auszeichnungen sind mit jeweils 12 500 Euro dotiert.

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