George Tabori im Alter von 93 Jahren gestorben

Berlin - George Tabori, einer der großen Theatermacher der Gegenwart, ist tot. Der Regisseur und Autor starb am Montagabend im Alter von 93 Jahren in Berlin. Das teilte der Intendant des Berliner Ensemble, Claus Peymann, der Deutschen Presse-Agentur dpa mit.

Zentrales Thema von Taboris Dramen, die er meist selbst inszenierte, ist die Auseinandersetzung mit dem Faschismus. Schwarzer Humor und bittere Einsicht kennzeichnet seine Figuren. Für das Berliner Ensemble arbeitete Tabori, der in Ungarn geboren wurde und 1945 die britische Staatsbürgerschaft angenommen hatte, bis zuletzt an neuen Stücken.

Zu Taboris bekanntesten Theaterwerken zählen "Mutters Courage", "Die Kannibalen", "Mein Kampf" und "Die Goldberg-Variationen". Das von Michael Verhoeven verfilmte Drama "Mutters Courage" erzählt von Taboris jüdischer Mutter, die in ihrer Heimat Ungarn wie durch ein Wunder den Nazis entkam.

"Er war ein weiser und kindlicher Mensch, ein wunderbarer Zauberer", sagte Peymann. "Jetzt hat er die Bühne verlassen." Taboris Tod hinterlasse eine Lücke, die sich nicht schließen lasse. "Solche Menschen wachsen nicht nach." Zuletzt hätten sich zahlreiche Schauspieler um das Bett des altersschwachen Tabori versammelt. Seine Frau, die Schauspielerin Ursula Höpfner, sei bis zum Ende bei ihm gewesen. "Am Schluss hat er in seinen Träumen inszeniert."

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Mit großer Hochachtung erinnerte sich die österreichische Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek an Tabori. "Was ich an seinen Stücken immer bewundert habe, war die ironische Leichtigkeit, mit der er die entsetzlichsten Dinge gefasst hat", sagte sie. "Wie Diamanten in Papier, und sie bleiben trotzdem an Ort und Stelle." Tabori habe die Dinge am Theater in der Schwebe lassen können, "mit einer unglaublichen Souveränität und einem bösen Sarkasmus, der einem unbegreiflich geblieben ist, den man nur bewundern konnte. Er hat mich immer an Charlie Chaplin erinnert, der mit der Weltkugel spielt, die völlig schwerelos ist."

Der am 24. Mai 1914 in Budapest geborene Tabori begann seine Karriere als Journalist in den 30er Jahren in Berlin. Als Jude flüchtete er 1936 vor den Nationalsozialisten nach London. Bis auf die Mutter wurde seine ganze Familie in Auschwitz ermordet. Während des Krieges war Tabori Korrespondent der BBC in der Türkei und im Nahen Osten. Von 1947 an arbeitete er in Hollywood und New York. In den USA traf er Bertolt Brecht, dessen Schüler er wurde.

Nach Jahren als Theatermacher und Drehbuchautor für Hollywood lebte er von 1971 an wieder in Deutschland, wo er unter anderem in Bremen, München und Bochum wirkte. Als freier Regisseur arbeitete er dann vor allem am Wiener Burgtheater. Ende der 90er Jahre zog Tabori zurück nach Berlin, wo er im Januar 2000 mit dem Stück "Die Brecht-Akte" das Berliner Ensemble unter der neuen Intendanz von Peymann wiedereröffnete.

"Das Theater war sein Leben", sagte der Präsident des Deutschen Bühnenvereins, Klaus Zehelein. "Nur der Tod konnte ihn von der Bühne trennen." Der Intendant des Europäischen Zentrums der Künste Hellerau bei Dresden, Udo Zimmermann, würdigte Tabori als "Theaterguru in jeder Hinsicht". Tabori habe in jedem seiner Werke mehr Fragen gestellt als Antworten gegeben. Es habe für ihn keine Trennung von Kunst und Politik gegeben.

"Seine Zuneigung zu Menschen und seine Neugier auf Menschen glich einer immer währenden Umarmung", hieß es in einer Erklärung des Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebes, in dem Taboris Theaterstücke verlegt wurden. "George Taboris Werk und Weisheit gehören im wahrsten Sinne des Wortes zum Weltkulturerbe."

Bundestagspräsident Norbert Lammert betonte: "Trotz und wegen seiner eigenen biografischen Erfahrungen hat George Tabori die von den Nationalsozialisten grausam unterbrochene stolze Tradition jüdischer Beiträge zur deutschen Literatur als Autor, Schauspieler und Regisseur eindrucksvoll wieder aufgegriffen und mit unwiederholbarer persönlicher Souveränität fortgeführt." Nach den Worten der Bundesvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen, Claudia Roth, stand Tabori "für ein kritisches Theater, das nicht nur zusieht, sondern widerständig eingreift in den Lauf der Welt".

Die Theaterwelt will Ende August bei einer Trauerfeier im Berliner Ensemble Abschied von Tabori nehmen. Das anschließende Urnenbegräbnis findet möglicherweise auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof statt, wo auch Bertolt Brecht und Heiner Müller beigesetzt sind.

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