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Lust an Schauergeschichten haben Menschen, seit es Verbrechen gibt. Ob fiktional erzählt, wie in Hitchcocks Klassiker „Psycho“ mit Janet Leigh oder auf wahren Kriminalfällen beruhend - in einem anderen Klassiker: „Aktenzeichen XY … ungelöst“, jene Sendung, die stets hohe Quoten erzielt – geschaffen vom langjährigen Moderator Eduard Zimmermann.

Großer Unterhaltungswert

Gepflegter Grusel: Woher kommt die Lust am "True Crime"?

München - TV und Zeitschriften verdienen gut mit dem Erzählen wahrer Krimifälle. Wieso das so ist.

Das Grauen hat höchsten Unterhaltungswert. Geht es um Mord und Totschlag, schalten die Deutschen ein oder laufen voller Vorfreude zum Zeitschriften- und Buchregal. Ja, Krimis und Thriller verkaufen sich gut. Noch besser sind die Zahlen, wenn sie auf wahren Fällen, echten Verbrechen basieren. Ein Trend, der sich „True Crime“ nennt.

Trend? Nein. Menschen hegen seit jeher ein fast obszönes Interesse für Grausamkeiten – und diejenigen, die sie begehen. „Aktenzeichen XY“ wäre nie ein TV-Schlager geworden; Gerichtsmediziner und ehemalige Mordermittler schrieben keine Bestseller, wenn sich nicht Millionen Zuschauer und Leser gerne gepflegt fürchten würden. Nur: Warum ist das so?

Der wichtigste Punkt zuerst: Genieren muss sich dafür niemand. Kaum hatte Gutenberg den Druck erfunden, zirkulierten Flugblätter mit anschaulichen Horrorbildchen von grausamen Verbrechen. Sogar, wenn sie weit weg stattgefunden hatten. Dass der Mensch sich derart für Scheußlichkeiten interessiert, hat laut Wissenschaftlern einen nützlichen Grund. Indem sich der Einzelne mit Verbrechen beschäftigt, die er nicht nachvollziehen kann, versichert er sich selbst, „normal“ zu sein. Und nichts will der Mensch mehr als das: normal sein. Anschluss haben, dazugehören. Der, der den schlimmen Mord begangen hat, ist folglich eben nicht normal. Das Grauen ist ein Spiel der Gesellschaft mit den Begriffen Zugehörigkeit und Abgrenzung.

Natürlich wird dieses Interesse auch gerne medial ausgeschlachtet. In Hamburg feiert sich gerade der Verlag Gruner + Jahr für den Geniestreich, „Stern Crime“ auf den Markt gebracht zu haben. Das Heft, das monothematisch über wahre Verbrechen berichtet, verkauft sich besser als warme Semmeln. Auch der Berliner „Tagesspiegel“ hatte bereits überlegt, mit einem Magazin zu spektakulären Verbrechen in der Hauptstadt Kasse zu machen. Themen hätte es genug gegeben. Berlin war Schauplatz einiger der schlimmsten Mordserien Deutschlands, etwa von „S-Bahn-Mörder“ Paul Ogorzow. Die Idee wurde allerdings verworfen. Stattdessen freuen sich nun Kollegen in der Hansestadt.

Das Interesse ist da - damals wie heute

Monothematische Magazine zu „True Crime“ sind neu. Dass sich Verbrechen auf der Titelseite hervorragend verkaufen, ist für Medienmacher dagegen ein alter Hut. Die am längsten ausgeschlachtete „Wahre Verbrechen“-Geschichte, die je in Deutschland erschien, geht auf das Konto eines Münchner Magazins. Die „Münchner Illustrierte“ – aus ihr wurde später die „Bunte“ – verkaufte den Fall des mutmaßlichen Serienmörders Bruno Lüdke in 15 Fortsetzungsgeschichten, die zwar geringen Wahrheitsgehalt, dafür aber umso mehr literarischen Schmierenjournalismus boten. „Nachts, wenn der Teufel kam“ hieß die Strecke, die 1956 von Will Berthold geschrieben wurde. Der Autor arbeitete eigentlich für die „Süddeutsche Zeitung“; in der „Münchner Illustrierten“ aber tobte er sich sprachlich aus: Er beschrieb Lüdke darin unter anderem als „Untier“ und „Neandertaler“. Heute ist sogar umstritten, ob Bruno Lüdke überhaupt je einen Menschen getötet hat – oder ihm die Verbrechen von den Nazis einfach untergeschoben worden waren. Was damals zählte, war der Erfolg.

Heute ist es nicht anders. Auf den Privatsendern laufen Dokumentationen wie „Medical Detectives“ oder „Anwälte der Toten“, die akribisch die Genanalysen an Tatorten rekonstruieren. Würde man stattdessen eine simple DNA-Dokumentation senden, noch dazu am späten Abend – außer ein paar Genetik-Forschern würde sie wohl kaum jemand schauen.

Kein Trend, sondern ein Bedürfnis

Wer jetzt allerdings glaubt, „True Crime“ gehöre in die Schmuddelecke, mit der sich nur nach hoher Auflage gierende Magazine beschäftigen, irrt. Im Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB) gibt es aktuell eine niedliche Posse um das Logo „Tatort Berlin“. Unter dieser Dachzeile hatten die Filmemacher Gabi Schlag und Benno Wenz sehr erfolgreiche Dokumentationen gedreht, die historische Berliner Kriminalfälle beleuchteten. Am 9. November wird der letzte Film ausgestrahlt, zu sehen sind die Raubzüge der sogenannten „Gladow-Bande“. Wenz und Schlag wollten die Filmreihe damit beenden und sich neuen Projekten zuwenden. Zack – eine andere Redaktion schnappte sich das Logo „Tatort Berlin“, im Übrigen, ohne die Autoren vorab darüber zu informieren. „Tatort Berlin“ wird es, so wie es derzeit aussieht, also wohl weiter geben. Die Filmemacher werden andere sein. Aber den Erfolg, den das Logo verspricht, wollte der RBB nicht vom Haken lassen.

„True Crime“ ist kein Trend, sondern ein Bedürfnis, das die Menschen haben, seit es Menschen und Verbrechen gibt. Früher wurden Schauergeschichten und grausame Märchen mündlich weitergegeben; heute reicht ein Griff ins Regal oder zur Fernbedienung. „Die Menschen lieben es einfach, alle schrecklichen Details in den geschützten Grenzen ihres Heims zu erfahren“, schreibt der amerikanische Wissenschaftler Denis Wilcox. Während Mord drei und vier kann man also entspannt in die Chipstüte greifen.

Tatjana Kerschbaumer

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