Mit gereckter Faust

- Das ehrt ihn: Enoch zu Guttenberg hat sich nie angepasst. Seine Dirigate, jetzt wieder mit Bachs Weihnachtsoratorium im Prinzregententheater bewiesen, stehen außerhalb jeglicher Moden - auch wenn er sich mit der Chorgemeinschaft Neubeuern und dem Orchester der Klangverwaltung manch "historische" Phrasentechnik angeeignet hat. Romantische Gefühligkeit? Gibt's nicht. Genauso wenig wie Erbauungsgepränge à la "festlicher Barock" oder seelenloses Technik-Geschnurre: Wenn anfangs "Jauchzet, frohlocket" befohlen wird, schwingt auch "der Höllen Schrecken" aus der sechsten Kantate mit.

<P>Klug gedacht ist das zweifellos, beschert diesem Weihnachtsoratorium aber eine merkwürdige, verkrampfte Emotionalität. Guttenbergs Lobpreis, das drückt sich in seiner Körpersprache aus, ist einer mit gereckter Faust. Das Tänzerische, das befreite Swingen, das ja auch Bachs Musik innewohnt, fehlt dieser Interpretation. </P><P>Vielmehr irritiert sie durch Rastlosigkeit, auch durch unstete Dynamik- und Tempo-Eigenheiten, die wie ausgestellt wirken, kaum organisch entwickelt werden. Wobei starke Momente gelingen: die verhaltene Ängstlichkeit im ersten Choral, das flirrende "Ehre sei dir Gott", der durchsichtige Orchestersatz in "Nur ein Wink von deinen Händen".<BR><BR>Für innere Ausgeglichenheit sorgte allein Altistin Gerhild Romberger. Kurzfristig für Anke Vondung eingesprungen, dominierte sie mit souveräner, klangschöner Gestaltungskraft das Ensemble. Markus Schäfer (Tenor) waren die vielen Adventseinsätze anzuhören, er überzeugte dennoch mit vokaler Eloquenz und genauer Diktion. Johannette Zomers eher instrumentaler Sopran tönte wohltuend "geerdet", Christian Gerhaher neigte anfangs zu Unruhe, wertete dann das bestechend gedeutete "Immanuel, o süßes Wort" zum zentralen Augenblick des Werks auf.<BR><BR>Die Neubeurer folgten Guttenbergs extremen Vorstellungen mühelos und mit kompaktem, leicht glanzlosem Klang. Ebenso das solide bis gut besetzte Orchester - dessen Konzertmeister indes recht eigenwillige Intonationsansichten hatte.<BR><BR></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Der Mut-Lacher
Mit „Monsieur Claude und seine Töchter“ gelang Philippe de Chauveron ein Riesenerfolg. Nun setzt de Chauveron einen drauf: In „Hereinspaziert!“ übernimmt Christian …
Der Mut-Lacher
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Sting hat in seinem Musikerleben Songs geschrieben, die heute noch so gut funktionieren wie 1983 oder 1995. Davon macht er in der Olympiahalle Gebrauch - und seine Fans …
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Das Münchner Lenbachhaus zeigt in der Ausstellung „Normalzustand“ deutsche Undergroundfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigerjahren entstanden sind. 
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Zurück in die Zukunft
Berlin. Harrison Ford und Ryan Gosling stellen in Berlin Szenen ihres neuen Kinofilms „Blade Runner 2049“ vor.
Zurück in die Zukunft

Kommentare