Gereifte politische Ethik

- Die Legenden sind zahlreich. Längst haben sie sich in den Köpfen festgesetzt. Fragt man auf der Straße nach der "Weißen Rose", wird einem sofort mit den Geschwistern Scholl geantwortet. "Dabei", seufzt Detlef Bald, "hatte Sophie Scholl mit den ,Flugblättern der Weißen Rose des Sommers 1942, deren Verfasser sie nicht einmal kannte, nichts zu tun und mit den Flugblättern des Winters 42/43 inhaltlich auch nichts. Alexander Schmorell und Christoph Probst hingegen werden als Verfasser immer nur am Rande erwähnt."

<P>Auch Bald ging davon aus, dass das deutsche Widerstandsthema schlechthin längst detailliert erforscht sei. Der Historiker und Publizist ist Mitarbeiter des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik in Hamburg sowie der Evangelischen Akademie in Tutzing, und er war bis 1996 Wissenschaftlicher Direktor am Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr. Nur einen kleinen Aufsatz wollte er für den Beirat der Stiftung Weiße Rose verfassen, musste allerdings feststellen, dass die Literatur unzureichend war, und stieß auf viel noch unausgewertetes Archivmaterial. <BR><BR>Inzwischen hat sich sein Aufsatz zu einem Buch ausgewachsen, das im Unterschied zur gängigen "Weiße-Rose"-Literatur den Weg der Gruppe "Von der Front in den Widerstand" zum Thema hat. Und einiges ins rechte Licht rückt. Noch im vergangenen Jahr habe ein Buch Willi Grafs berühmten Tagebuch-Satz "Das Elend sieht uns an" mit den zerstörten Häusern Warschaus erklärt. Bald belegt, dass mit dem Elend jedoch der Abtransport der Juden aus dem Ghetto gemeint ist, den Hubert Furtwängler, Alexander Schmorell, Hans Scholl, Jürgen Wittenstein und Willi Graf auf ihrem Weg zum Sanitätsdienst an der Ostfront, wo sie als Mediziner ihre Famulatur im Sommer und Herbst 1942 ableisteten, deutlich zu sehen bekamen. <BR><BR>Vor allem widerlegt Bald "die Vorstellung, die 16 Wochen an der Ostfront wären eine Idylle gewesen, ein romantisches Russlanderlebnis, Liedersingen am Lagerfeuer". Ihre angebliche "Russophilie" waren in Wahrheit Unrechtbewusstsein und Solidaritätsgefühl angesichts der Gräuel an der einheimischen Bevölkerung: "Sie haben die Wehrmacht erlebt, und die Kritik an ihr hat sie in ihrem Widerstand massiv beeinflusst." <BR><BR>Deutlich stärker politisch motiviert sei der Widerstand nach diesen Fronterfahrungen gewesen, erklärt Bald: "Auf der Rückfahrt bereits hatten sie ihre Entschlüsse gefasst: Der Widerstand müsse öffentlich werden." So waren die ersten Flugblätter vom Sommer 1942 in einer Auflage von 100 Exemplaren verbreitet worden. Und: "Sie enthielten viel idealistisches Pathos deutscher gymnasialer Bildung, sprachen über ,die Freiheit an sich". <BR><BR>Hingegen die Flugblätter vom folgenden Winter wiesen einen ganz anderen politischen Duktus auf, umfassten fünf- bis achttausend Exemplare und wurden von Saarbrücken bis Wien, von Frankfurt bis Graz verteilt. "Darin herrschte eine ganz andere Sprache als zuvor. Das Kriegsende, das sie von Anfang an herbeiführen wollten, schien ihnen jetzt nur mit einem Umsturz des NS-Regimes erreichbar. Sie suchten außerdem nach einer Staatsform, die die Würde des Menschen anerkennt und forderten die Freiheiten, die sich heute in unserem Grundgesetz wiederfinden." <BR><BR>Den Zusammenhang zwischen dieser gereiften politischen Ethik und unserem heutigen Staat findet Bald so bemerkenswert wie die entsprechenden Quellen: "Was ich zur politischen Ethik schreibe, stammt alles aus den Gestapo-Akten." Schier unglaublich ist es, dass die Verhörprotokolle bisher genauso wenig systematisch ausgewertet wurden wie die Militärakten des Bundesarchiv-Militärarchivs in Freiburg, die die das System der Besatzungsherrschaft schildern und wörtlich von "Ausbeutung der Bevölkerung" sprechen. Anhand beider Quellen rekonstruierte Bald die Geschehnisse an der Front und brachte sie mit Tagebuchaufzeichnungen in Einklang. Gerade hatte er das Manuskript beendet, da entstand ein Kontakt mit Wittenstein, der heute in Kalifornien lebt und dessen Tagebücher noch gänzlich unbekannt sind. Auch diese Quelle konnte Bald zu Teilen einarbeiten, und sie bestätigte alles, was er bisher rekonstruiert hatte.<BR><BR>Nicht alle Zeitzeugen reagieren so offen auf die neue Darstellung wie Wittenstein und fürchten, dass ihnen ihre Erinnerungen genommen werden, berichtet Bald. Mit den familienbezogenen Interpretationen der 50er-Jahre hatten sich die Legenden herausgebildet, die gern verschwiegen, dass alle aus dem Kern der Widerstandsgruppe einmal HJ-Mitglieder waren. Die die ganze Vorgeschichte außer Acht ließen: die Militärdienste der Medizinstudenten, ihre Teilnahme am Westfeldzug oder an der Besetzung der Tschechoslowakei. Es bedürfe noch vieler Dissertationen und vor allem der breiten, wissenschaftlichen Diskussion, um das Thema aufzuarbeiten, so Bald: "Eine umfassende Geschichte der ,Weißen Rose wird es noch lange nicht geben."<BR> <BR></P>

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