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Valery Gergiev hat seinen Einstand bei den Münchner Philharmonikern gegeben.

Maestro meistert Mahler

Gergiev-Einstand bei den Phillies: Überwältigend

München - Valery Gergiev gibt mit Mahlers Zweiter Symphonie seinen Einstand als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker

Es war ein großer Abend. Und das in mancherlei Hinsicht: Groß war das Werk, Mahlers Zweite, die „Auferstehungssymphonie“. Groß war das Aufgebot an Instrumentalisten und Chorsängern. Und groß war die Spannung. Denn am Donnerstagabend trat im gut besuchten, aber nicht ausverkauften Gasteig Valery Gergiev zum ersten Mal als Chefdirigent ans Pult der Münchner Philharmoniker.

Zur Begrüßung erinnerte Kulturreferent Hans-Georg Küppers (er vertrat den durch das Flüchtlingsproblem verhinderten Oberbürgermeister Dieter Reiter) an die Wahl des renommierten russischen Dirigenten durch den Stadtrat im Jahr 2013. Das Orchester habe damals für ihn plädiert, weil es nach ersten Erfahrungen mit Gergiev als Gastdirigent sicher gewesen sei, dass er den dunklen Klang der Philharmoniker pflegen und das Repertoire weiterentwickeln werde. Auch Gergiev habe bekannt, dass er das Orchester sehr schätze und glücklich sei, mit den Münchner Philharmonikern zusammenzuarbeiten.

„Da haben sich zwei gefunden, die zueinander passen“, resümierte Küppers und nannte die Berufung einen „Glücksfall für das Orchester, für das Publikum und für das Musikleben der Stadt“. Dann schickte der Kulturreferent einen englischen „Welcome“-Gruß Richtung Bühnentür – und Valery Gergiev erschien. Mit großem Applaus begrüßt vom Münchner Publikum, unter das sich auch Alt-OB Christian Ude, der russische Generalkonsul, einige Stadträte und zwei Drag-Queens mischten.

Was die Münchner Philharmoniker und ihr neuer, für fünf Jahre gewählter Chef gemeinsam leisten können, das demonstrieren sie zur Saisoneröffnung in 80 spannenden Minuten. Mit Vehemenz, ja fast Aggression schleudern die tiefen Streicher ihre Sechzehntelläufe heraus, die sie rasch abmildern, aber latent griffbereit haben. Die hohen Streicher dürfen sich sanft einschmeicheln, von den Hörnern grundiert, und das Englischhorn lässt kurz eine Idylle anklingen. Bis zum Tumultuösen steigert Gergiev das Geschehen, reizt die Dynamik aus und lässt den Spannungsbogen im langen ersten Satz nicht abreißen. Dabei bleibt der Boden schwankend. Das Unsichere, Ungewisse, wohin Mahler den Zuhörer in dieser „Totenfeier“ führt, ist stets spürbar.

Im Andante moderato setzt Gergiev mit dem in allen Gruppen hoch motivierten und bestens vorbereiteten Orchester auf verschleifte „Heurigen“-Töne, weniger auf Abgründigkeit als auf leicht schrägen Witz. Im dritten Satz, den Mahler aus seinem Wunderhorn-Lied „Des Antonius von Padua Fischpredigt“ entwickelte, treten Verfremdung und Trivialisierung deutlich zutage, obwohl Valery Gergiev kein Freund greller Farben zu sein scheint – die hier durchaus aufscheinen könnten. Mit äußerst suggestiven, dennoch nie auftrumpfenden Alt-Tönen gibt Olga Borodina dem „Urlicht“ Gestalt und fesselt die Zuhörer mit Geschmeidigkeit und Intensität im Geständnis naiver Gläubigkeit. An Intensität steht ihr die Solo-Oboe nicht nach. Auch im ausladenden fünften Satz achtet der neue Chef auf die wunderbar abgestimmten Feinheiten von Flöte, Oboe und Klarinette, die vom Blech aufgegriffen werden. Mehr Gewissheit, mehr Zielsicherheit scheint hier plötzlich auf, doch auch markante Bläserchorale und triumphierende Tutti versinken wieder, Klagelaute ertönen und ein Fernorchester erhöht die Vielschichtigkeit des Geschehens.

Der Philharmonische Chor, von Andreas Herrmann einstudiert, bewährt sich im unwirklichen Raunen des A-cappella-Beginns „Aufersteh’n, ja aufersteh’n“ vorzüglich, während Sopran-Solistin Anne Schwanewilms sich erst vage hineintasten muss. Wenn schließlich die Orgel ins Tutti der Auferstehungsklänge einfällt, ist die Überwältigung vollends gelungen.

Kaum ein Atemholen, bevor Beifall, Bravorufe und Begeisterungspfiffe den Gasteig erfüllen. Blumen gibt es diesmal nicht nur von offizieller Seite, sondern auch von Damen aus dem Publikum. Und einen Extra-Strauß vom Orchestervorstand für den Chef.

Gabriele Luster

Fernsehübertragung

3sat zeigt seinen Mitschnitt des Antrittskonzerts an diesem Samstag von 20.15 Uhr an; im Anschluss läuft um 22 Uhr Reinhold Jaretzkys Porträt „Valery Gergiev – Macher und Magier“.

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