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Valery Gergiev traf sich am vergangenen Samstag mit Vertretern der Stadt München in Linz.

Brief an die Abonnenten

Gergiev: „Ich bleibe bei der Musik“

München - Erklärungsbereit, aber nicht reuig: Valery Gergiev schreibt an die Abonnenten der Philharmoniker. Lesen Sie hier den Brief im Wortlaut.

Das Treffen am vergangenen Samstag fand in Linz statt. Einfach, weil der umtriebige Valery Gergiev dort, während eines Gastspiels mit seinem Mariinsky-Orchester, ganz gut greifbar war. Sechs Stunden lang wurde mit ihm geredet. Zuerst sprachen Münchens Kulturreferent Hans-Georg Küppers und Philharmoniker-Intendant Paul Müller vier Stunden mit dem russischen Star, danach gab es ein 120-minütiges Privatissimum zwischen Müller und dem Dirigenten. Die Anstrengungen mündeten nun in einen offenen Brief, der in den kommenden Tagen den Abonnenten der Münchner Philharmoniker zugestellt wird.

Das Ergebnis: Der künftige Münchner Orchesterchef, der in die Kritik geraten ist wegen seiner Putin-Treue, der missverständlichen Haltung Homosexuellen gegenüber und wegen seiner Unterstützung der russischen Ukraine-Politik rudert nicht zurück oder gibt sich reuig. Aber er zeigt sich zumindest erklärungsbereit. Er habe die „Verantwortung übernommen, um die kulturelle, musikalische Tradition von St. Petersburg am Blühen zu erhalten“, schreibt Gergiev. „Daraus können im Falle politischer Entwicklungen Probleme entstehen, wie wir sie jetzt haben, und in die mich einige verwickelt sehen.“ Dass er in den Augen einiger als Vertreter einer „anderen Gesellschaft“ gelte, will Gergiev so nicht stehen lassen. Die russische musikalische Kultur sei europäisch und vor allem von der deutschen Musikkultur beeinflusst.

Gleichzeitig aber, und diese Passage dürfte nicht allen gefallen, betont Gergiev, dass die russische Gesellschaft nach anderen fundamentalen Prinzipien lebe als die westliche. „So spielt die kulturelle – tief in der orthodoxen Religion verwurzelte – Orientierung für die russischen Menschen eine nach wie vor elementare Rolle in der Lebensführung, was im übrigen auch geholfen hat, dass die Menschen in Russland schwierige Situationen im 20. Jahrhundert überleben konnten.“ Er achte die Lebensmaximen in Russland, wozu auch das „Festhalten an Tabus“ gehöre, „die in den westlichen Ländern seit einigen Jahren nicht mehr gelten, aber zu deren Aufhebung es viele Anläufe und viel Zeit braucht“. Ihm selbst freilich sei, was die Arbeit mit seinem Team betreffe, nichts vorzuwerfen.

Hier finden Sie Gergievs Brief

Interessant an diesem offenen Brief ist, was nicht darin steht. Gergiev geht nicht explizit auf die Themen Homosexualität und Ukraine-Politik ein. Und er erwähnt mit keinem Wort, dass es so etwas wie unveräußerliche, überall gültige Menschenrechte und Gleichheitsgrundsätze gibt. Der künftige Chef der Münchner Philharmoniker („Ich bleibe bei der Musik“) sieht sich eher als neutraler Brückenbauer: Auch wenn die Politik in kulturelle Arbeit „harte und schrille Dissonanzen“ hineinschicke, müsse man den Mut behalten, sich zuzuhören und auszutauschen.

Wann das ebenfalls geplante Treffen Gergievs mit der schwul-lesbischen Community in München stattfindet, ist noch offen. Das Linzer Gespräch, so teilte die Stadt München gestern mit, sei auch als „Ideensammlung“ für dieses Treffen gedacht gewesen.

Markus Thiel

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