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Gerhard Polt und Gisela Schneeberger

Merkur-Interview

Gerhard Polt über „...und Äktschn!“

München - Gerhard Polt (71), Kabarettphilosoph von einzigartiger Klasse, bringt zehn Jahre nach dem Flop „Germanikus“ wieder einen Kinofilm heraus (Start: Donnerstag).

Zusammen mit dem Austro-Briten Frederick Baker (Regie) hat er das Drehbuch zu „...und Äktschn!“ geschrieben und spielt die Hauptrolle: einen Filmdilettanten, dessen großer Wurf ein Streifen über den privaten Adolf Hitler werden soll. Alte Kämpen wie Gisela Schneeberger oder Nikolaus Paryla und neue wie Robert Meyer sowie Maximilian Brückner umkreisen das Zentralgestirn Polt.

Als Kabarettist sind Sie fast autark. Beim Filmen ist man jedoch von zahlreichen Personen, von Technik, Finanzen und Förderungen abhängig. Warum taten Sie sich das nun wieder an?

Wenn man eine Geschichte erzählen will, von der man überzeugt ist wie in meinem und Frederick Bakers Fall, muss man sie visualisieren. Denn sie kann nur wirken, wenn man sie filmisch erzählt. Wenn ich die Schneeberger sehe, wie sie eine Dilettantin spielt, die die Eva Braun spielt, dann weiß ich: Diese Schneeberger ist viel dichter auf der Spur der Original-Eva-Braun als sonst wer. I muaß des sehng! Die stellt sich plausibler dar, als ich es in anderen Filmen oder so Hollywood-Dingern jemals gesehen habe. Da wird Braun oft als Diva gezeigt. Aber dieses Niveau, das wir schildern, ist wahrscheinlich genau das von Eva Braun. Und das kann die Schneeberger umsetzen.

Und allgemein die Zusammenarbeit mit so vielen Menschen?

Es war speziell bei diesem Film eine ausgesprochen angenehme Teamarbeit. Vom Oberbeleuchter bis zur Garderobiere gab es ein gutes Einvernehmen, ein gutes Miteinander-Reden und auch ein Begreifen, was wir wollten. Das war sehr schön. Alle Leut’ waren instruiert, wohin der Zug fahren soll.

Und wohin fährt der Zug? War erst das Amateurfilmen, der Film im Film da, oder die Hitler-Episode?

Schon beides zugleich! Die Grundidee war: Wenn man Laien hat, passionierte Laien, die unbeirrt und ohne Selbstkritik, also mediokre Leut’ – die gibt’s ja wie Sand am Meer nicht nur im Filmsektor, wobei man sagen muss, dass der Hitler auch ein Dilettant war –, also wenn man Laien dazu bringt, Hitler zu spielen, dann kommt man ihm und seinem Niveau wohl am nächsten. Da muss ich Hitler nicht dämonisieren, da is er a net bloß a Kaschperl.

Schon in Ihren Kabarettauftritten taucht der private Hitler auf und trötet zum Beispiel in ein Kinderwagerl: „Dotzi, dotzi, dotzi.“ Die Prinzregententorte gibt es da genauso wie die Spezies des NS-Trophäenjägers.

Ja, das hat mich immer interessiert. Einer von meinen Impulsgebern, überhaupt in diese Richtung zu denken, war ein Hitlerbiograf, der schon gestorben ist: Dr. Werner Maser. Der hat mir damals erst die „Dotzi, dotzi, dotzi“-Geschichte ermöglicht, weil er, sehr klar recherchiert habend, sagte: Schau her, wir kennen alle Medien von Riefenstahl bis zu den Lächerlich-Machern, aber die Facetten, die Hitler hatte, spielen keine Rolle, insbesondere die private Facette. Schau, hat er gesagt, der Hitler ist als ein Nobody, als ein Niemand nach München gekommen, als ein Garneamde, muss aber Charme gehabt haben. Er muss irgendwie sympathisch gewesen sein. Sonst hätte ihn die Frau Hanfstaengl vom Hanfstaengl-Verlag, die Frau Bechstein vom Flügel-Bechstein oder die Frau Bruckmann vom Bruckmann-Verlag nicht als Schoßhund in ihre Zirkel aufgenommen, hätten ihm nicht ein Butterbrot geschmiert, hätten ihn nicht eingekleidet und gezeigt, wia ma a Krawattn bindt und so weiter. Über diesen privaten Weg kommt der überhaupt an diese Menschen heran, die er dann benutzt. Das Faszinosum ist, dass dieser Hitler Erfolg hatte. Er konnte nicht malen, verstand nichts von Architekturzeichnung, er konnte eigentlich gar nichts richtig – ähnlich wie der Pospiech, den ich darstelle –, ist nur beharrlich. Es gelingt ihm, dass ihm in dieser Stadt München, später in ganz Deutschland Leute der Hochschulen, Leute, die viel qualifizierter, gscheiter sind als er, nachlaufen: ihm, einem Menschen, der bestenfalls mittelmäßig ist. Das ist das Phänomen.

Das man nicht mehr entschlüsseln kann, weil man’s nicht erlebt hat.

Es besteht wahrscheinlich auch heute noch das Grundphänomen, dass man der Mittelmäßigkeit nachgibt. Dass die Mittelmäßigkeit eine unheimliche Kraft hat, die Banalität. Dass die, wenn sie nur beharrlich genug ist, sich durchsetzt. Das erleben wir. Deswegen wollte ich so einen Menschen spielen. Mia gfoin ja so Leit, die eine gewisse Begrenztheit haben und nie über ihren Schatten springen; die auch das Fürchten nicht lernen, weil sie ohne Selbstzweifel sind.

Wobei Sie den Pospiech als sympathischen Mann spielen.

Ja, genau. Die Sympathischen sind gefährlicher als die anderen. Sich von den Sympathischen zu distanzieren, ist schwerer als von einem Widerling.

Ihr Team ist eine bayrisch-österreichisch-britische Melange mit schweizerischen und indischen Spritzern. Wie anregend war das?

Toll, super. Weil das alles gute Schauspieler sind. Es ist das Schöne am Filmgeschehen – auch wenn’s anstrengend ist –, dass das reife Persönlichkeiten sind, die ja schon viel in ihrem Leben gearbeitet haben, gezeigt haben, was sie können und wie sie denken. Es ist interessant, mit den Menschen zu reden, außerdem bringen sie unsere Erzählung in eine Richtung, die das Geschriebene lebendig macht. Der Schweizer Kabarettist – ich kenn’ ihn schon lange –, der ist ja ein ganz Gscheiter. Bei uns kennt ihn keiner. Er hat a Mordsfreid ghabt, dass er den Militaria-Sammler spielen darf. Diese Sammler haben ja was Wahnsinniges. Da hab i tolle Sachan erlebt: I hab amoij oan troffa, der hat Samuraischwerter gsammlt. Er hat gsagt, er fliagt jetzt nach Australien. Sag i: Wohin? Ja, sagt er, nach Australien. Dort muaß a si a Samuraischwert oschaugn. Das waar oans von einer bestimmtn Schmiede. Das wär ein Schnäppchen und kost nur so zworahoib Millionen. Da war i baff.

Bei Ihren Programmen, auch in den Theaterstücken „Diridari“ oder „Tschurangrati“ geben Sie oft den gschertn Hund, den gwappetn Kerl. Aber in den Filmen meist das Bodtscherl, das jeder beschützen möchte. Zufall?

Des is scho richtig. Im Film ist es für mich interessant, einen Menschen zu spielen, der denkt, er wäre Subjekt. Er ist aber das Objekt. Diese Unbelehrbarkeit, diese Scheuklappen-Sichtweise – solche Leute ham ja was! Sie sind begrenzt. Sie können sich nicht verändern. Das sind Charaktere, die mir gfoin. I mog di a irgendwie. Sie sind manchmal unausstehlich, aber man kann nicht total mit ihnen abrechnen. Und die setzen sich erstaunlich oft durch. Man fragt sich, wer bietet ihnen Einhalt?

Dem Pospiech will man gar nicht Einhalt gebieten. Der schafft sich seine Freuden selbst und überlebt damit.

Natürlich. Die Analogie ist, dass er Leut’ dazubringt mitzumachen. Hitler hat auch alle ins Boot gebracht. Warum? Was für eine Qualität hat der ghabt: gar koane! Das Banale hat eine unglaubliche Kraft, und wenn die in einer gewissen Weise daherkommt, ist sie fast unwiderstehlich.

„...und Äktschn!“ erzählt auch von der Komik des Filmemachens. Was bei Pospiech im Kleinen geschieht, ist das Spiegelbild der eigentlichen Filmerei – inklusive Casting und Schauspieler-Gezicke.

Ja, nur mit sehr viel mehr Aufwand. Wir sehen, mit wie viel Geld die heute nur Blödsinn herstellen. Das ist oft atemberaubend.

Die Lächerlichkeiten von Hitler-Filmen nehmen Sie ebenfalls auf – Stichwort: „Der Untergang“.

Unser Film ist eine Persiflage. Diese miserablige Performance – so sagt man doch (Grinst.) –, diese Gesellschaft in ihren Uniformen, wenn Hitler und Eva Braun heiraten... (Lacht selbst ungläubig.)

Miserabel ist auch die Umgebung Ihrer Figuren inklusive Fluglärm?

Der übrigens authentisch ist. Als wir in Freilassing gedreht haben, haben wir diese Dezibelbrause erlebt und in den Film integriert. Das hat scho passt. Der Bürgermeister war uns dankbar, schließlich protestieren die dort schon lange dagegen. Und das verstärkt sich: Die Salzburger wollen ja no mehr Fliaga. Wia die Leit des aushoitn? Des is schlimm!

Eine wichtige Konstante in Ihrem Werk und in dem Film jetzt ist das Phänomen: Ich will mich anderen mitteilen. Aber das haut nicht hin, weil alles in einem Knäuel von Argumentations-Fetzen untergeht.

Trotz modernster Techniken wie bei den Bloggern wird alles noch unpräziser. Man ahnt vielleicht einen Kontext, dann geht die Argumentation schon in eine andere Richtung. Man ist ist immer umgeben von einem Konglomerat von Meinungen, Andeutungen und von Äußerungen. Die neuen technischen Möglichkeiten geben diesen Leuten noch mehr Gelegenheiten zur Selbstverwirklichung. Solche Leute wie der Pospiech verwirklichen sich eben selber, weil sie meinen, der Welt etwas zu sagen zu haben. (Lacht.) Dieses Sendungsbewusstsein!

Sie müssen das in Kunst übersetzen. Wie funktioniert das?

Das weiß ich selber nicht. Ich habe nur ein inneres Gefühl für Hilflosigkeit. Wenn man Menschen mag – grundsätzlich –, dann wird man sie nicht vernichten. Sondern dann muss man eine gewisse Ironie walten lassen, aber nie vernichten, nie sarkastisch werden. Das ist der Grat, auf dem man gehen muss. Man darf keinen zerreißen; es muss aber schon sein dürfen, dass man über Menschen lacht. Der Mensch ist – Gott seiDank – auch ein lächerliches Objekt.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger.

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