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Kabarett-Philosophisches, bei dem sich auch der eine oder andere Theaterfaden verlieren kann (v. li.): Christoph Well, Funke Konate, Stefan Merki, Karli Well, Michael Well und Gerhard Polt brachten das Publikum zum Rasen

Premiere in den Münchner Kammerspielen

Gerhard Polt und die Well-Brüder: Kritik zu "Ekzem Homo"

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München - Gerhard Polt und die Well-Brüder feierten mit der Revue "Ekzem Homo" in den Münchner Kammerspielen Premiere. Der Kabarettist mäandert genial zwischen klaren philosophischen Bächen und brackigen Stammtischgeschwafel-Altwässern. Die Kritik:

Wenn er neben den Well-Brüdern ausm Biermoos ganz nahe vor die Zuschauer tritt mit Zylinder, weißem Schal sowie Frack-Schwalbenschwanz (die Hose bleibt im knautschbequemen Look), wenn er sich das Weanarische des Lieds „Der Vorhang fällt...“ und dessen Schmäh auf der Zunge zergehen lässt, ja, dann rast das Publikum im Schauspielhaus. Gerhard Polt hat sie wieder alle gekriegt, die Uralt-Fans, die viele seiner Sentenzen auswendig hersagen können, und die neuen Eleven der Polt-Welt.

Der scheidende Münchner Kammerspiele-Intendant Johan Simons hatte sich eine Produktion von dem bayerischen Kabarett-Philosophen gewünscht und nun bekommen. „Ekzem Homo“ von Polt sowie Christoph, Karli und Michael Well wurde am Samstagabend mit ihnen sowie Ensemblemitglied Stefan Merki und Funke Konate (eher ein weiblich-immigrantisches Alibi) in der Regie von Simons uraufgeführt.

Zu Beginn der gut zweieinhalb Stunden hatten die Well-Brüder ihrem Gerhard in der Jugendstil-Spielstätte mit im Raum verteilten Alphörnern und Glockenton den Klangteppich eines gebirglerischen Idylls ausgerollt. Der Mann mit der Breze, der im Folgenden nach ihr benannt wird, darf jetzt sein variiertes „Ecce homo“ (nach Pilatus) ausbreiten. Gegen den Menschen an sich hat der Rentner aus dem Reihenhaus nichts, aber gegen den Nachbarn. In dem Fall gegen Herrn Merki, „Lohnschauspieler“ seines Zeichens.

Eine wunderbare Gelegenheit für Polt, sich aus der Sicht des „Gesinnungs-Grattlers“ über andere „Gesinnungs-Grattler“ herzumachen. Ergo über den Menschen. Der Kabarettist mäandert genial zwischen klaren philosophischen Bächen und brackigen Stammtischgeschwafel-Altwässern. Dabei benutzt er die bedrohliche Satzbau-Wirrnis, um gerade durch sie treffende Aussagen zu platzieren. Die verpasst er seinem Publikum subkutan. Bevor es blöd schauen kann, muss es schon lachen über sich selbst, den „Zwischenwirt für Fußpilz, Waffenhändler und Religion“.

Polt ist dabei locker wie eh und je. Genießt das Hin- und Herflutschen zwischen Fiktion und Realität. Da werden Herr Merki und die Herren Well vorgestellt, die Theatersituation thematisiert; später wird sogar um den Ursprung der Kirchensteuer ein „Laienspiel“ organisiert. Allerdings verliert sich dieser Theaterfaden im Laufe des Abends, wie überhaupt das Team Well-Polt nicht auf eine abgerundete Dramaturgie Wert legt. Da schließt man eher an „Bayern open“ oder „Offener Vollzug“ an als an „Diri Dari“ oder „Tschurangrati“, Projekte, die ja schon längst im heiligen Hain der Theater-Legenden angehimmelt werden.

Den lockeren Rahmen bei „Ekzem Homo“ bildet das unerschöpfliche Thema Nachbarschaft, die schlechte naturgemäß. Für die hat Bühnen- und Kostümbildnerin Sina Barbra Gentsch eine angedeutete Reihenhauszeile aus Latten gebaut. Hier wird der Nachbar zur „wandelnden Tellermine“, und schnell taucht das Gefühl auf, dass man, „um einen anderen umzubringen, nicht zwangsläufig religiös sein muss“. Am Ende zückt denn auch Herr Brezner das Maschinengewehr gegen den verhassten Wohn-Feind.

Unterstützt werden die Kampfhähne durch die Wells ausm Biermoos. Gfotzerte Gstanzl aufd Nachbarschaft kommen zu Gehör. Die Brüder fordern „Schweinsbraten für die Welt“, swingen gegen die Steuern, rappen auf Küchenlatein gegen das bayerische Schulsystem („veni, vidi, fuck di“) oder lassen Christoph Well auf seiner Trompete in klassischer Musik brillieren: ein Muss bei jedem Well-Auftritt. Obendrein tanzen die drei, sozusagen globalisiert zwischen schottischem Steppdance, ägyptischem mehr Bauch- als Tanz und Schuhplattler. Auch Merki bekommt seine Gustostückerl: als gemobbter Feuerwehrmann oder als Schlauchbootlippen-Shopping-Tussi, die die Armen so arg geldgierig findet. Nur Funke Konate ist als Flüchtlingsfrau, die den Rentner einmal pflegen soll, zu wenig eingebunden.

Der Kleinkrieg ist Gerhard Polt natürlich zu wenig. Deswegen erklärt er uns so jovial wie eisig scharf Demokratie („Was hilft dir die Meinungsfreiheit, wenn du keine Meinung hast?“), den „defizitären“, also armen Menschen (ein Glanzstück des Abends), Kindererziehung, Klerus – und als Virtuosennummer den bayerischen Filz aus Miesbacher Landen. Als dortiger Landrat fieselt er, in der Badewanne Dom Pérignon süffelnd, auseinander, wie man sich und die Seinen gesund stößt, und bejammert die ungerechte Behandlung, etwa durch die „Paparazzi vom Miesbacher Merkur“. Tosender Applaus, zwei grandiose Zugaben, bei denen auch der total aufgeregte Johan Simons ein (niederländisches) Gstanzl singen musste.

Von Simone Dattenberger

Nächste Aufführungen

am 10., 14. und 20. Februar; Telefon 089/ 23 39 66 00.

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