Gesänge vor dem Todestunnel

- Plötzlich kniet sich der Junge vor einen der grauen Säcke, öffnet ihn leicht, holt verstohlen seine im Anorak verstaute Trompete heraus und bläst in diese Plastiktüte hinein so etwas wie einen Zapfenstreich. Der Versuch einer Trauermusik für die Reste seiner Eltern, für das, was von ihnen übrig geblieben ist, nachdem sie zusammen mit ihm und 152 anderen in der Gletscherbahn von Kaprun verbrannt und nun in diesem Sack verstaut sind.

Es gibt sie immer wieder an diesem Uraufführungs-Abend im Neuen Haus der Münchner Kammerspiele: die Momente der Rührung, des Mitleids, des Unfassbaren. Augenblicke der Seele. Elfriede Jelinek hat als Auftragswerk der Kammerspiele und des Zürcher Schauspielhauses ein Stück geschrieben, "In den Alpen", das das Kapruner Bergbahnunglück vom 11. November 2000 zum Inhalt hat. Und Christoph Marthaler, der Schweizer Wunder-Regisseur, der als Zürcher Intendant kürzlich und überraschend seine vorzeitige Entlassung erhielt, hat diesen gewaltigen, sprachmächtigen Textbrocken mit großem Herz und tiefer Menschlichkeit inszeniert.<BR><BR>Volkstümliche Hitparade, Skiballett und Totentanz zugleich. Es wird bei Marthaler also geträllert, getanzt und getrauert. Er bricht sozusagen den Text der Jelinek auf, macht ihn leicht, manchmal damit allerdings auch klein; er macht ihn, wenn man das angesichts des Themas überhaupt sagen darf, unterhaltlich. Aus der bei Jelinek einzigen Rolle des Kindes werden bei Marthaler fünf: Den Text teilt er auf zwischen Mira Partecke, André´ Jung und Lars Rudolph (der mit der Trompete); Daniel Chait und Thomas Stache sind für akrobatisch-turnerische Einlagen zuständig.<BR><BR>Es ist immer etwas los auf der Bühne. Jedenfalls im ersten Teil des Stücks, in dem sich Elfriede Jelinek ganz jener Bergbahn-Katastrophe widmet, deren Salzburger Prozess noch längst nicht abgeschlossen ist und nach wie vor für skandalöse Schlagzeilen sorgt. In diesem ersten Teil also flattern, taumeln, zittern zu einem musikalisch das Chaos imaginierenden Geräusche-Mix sieben Opfer auf die Bühne, zum Teil noch skimäßig gekleidet, aber alle tragen sie mehr oder weniger erkennbar auch schon ihr Totenhemd, das am Ende der Aufführung ihr alleiniges Gewand sein wird.<BR><BR>Wie Schulkinder setzen sie sich an die weißen Tische. Als der Helfer, der einzig Lebendige auf der Bühne, der sie den grauen Abfallsäcken zuzuordnen und zu nummerieren hat, sich für eine Zigarette ein Streichholz anzündet, zucken sie wie in Erinnerung an den soeben erfahrenen Feuertod zusammen. Dann öffnet er einen an der Wand angebrachten Glaskasten _ er wird es im Laufe des Abends noch öfter tun _, und die Untoten beginnen wie auf Bestellung den schönsten Gesang eines alpenländischen Volksliedes. Im Zwischenreich zur Ewigkeit aber haben sie die Gewohnheiten des irdischen Daseins noch nicht abgestreift. Plötzlich stehen sie auf, trampeln mit ihren Skistiefeln an die Selbstbedienungstheke, um sich ihre Tabletts zu füllen. Vergebliches Bemühen, das Leben über sein Ende hinaus weiterzuführen.<BR><BR>Der Helfer sammelt Spuren der Umgekommenen, Haar-, Haut-, Knochenfetzen, zur späteren genetischen Bestimmung. Damit Ordnung herrsche unter den Toten. Aber noch wehren sie sich. Sie nehmen ihre Säcke mit dem Abfall Mensch und schlagen sie ihm um die Ohren. Sie stellen die weißen Tische schräg als Abfahrtspiste, denn selbst im Tod, zwischen Trauer und Vergehen, können sie's nicht lassen. Auch auf dem Weg ins Jenseits bleibt ihr Diesseits-Inhalt der Sport, die Gaudi, der Skizirkus.<BR><BR>Optimal setzt hier Christoph Marthaler die Intentionen der Autorin um: ihre Kritik an der Sport-, Freizeit- und Profitgesellschaft, ihre Auseinandersetzung mit Natur, Gott und der Welt an Hand jener Katastrophe von Kaprun. Konflikte werden in diesem Stück nicht ausgetragen, Charaktere nicht gezeichnet, Entwicklungen nicht gegeben. Die schemenhaften Figuren sind quasi das szenische Postulat des hohen moralischen und dichterischen Anspruchs der Jelinek. Der ihr zugehörigen Radikalität gemäß belässt sie es aber nicht beim aktuellen Ereignis des Jahres 2000. Sie spinnt den Faden übers alpine Unglück hinaus und zurück zu den millionenfach verbrannten Juden, zum Antisemitismus der 20er-Jahre, in denen die Juden aus Alpenvereinen ausgeschlossen wurden, und zum Antisemitismus von heute.<BR><BR>Zu diesem Zweck lässt sie den Dichter Paul Celan auftreten, der in Marthalers Inszenierung als eine Erscheinung aus dem Jenseits oder eine Art Christus aus dem sich abrupt öffnenden Todestunnel heraustritt. Der Mann im grauen Anzug spricht Passagen aus Celans Prosatext "Gespräch im Gebirg", einen Text über den "Jud und Sohn eines Juden", in dem es u.a. heißt: " . . . da ging er also und kam, kam daher auf der Straße, der schönen, der unvergleichlichen, ging, wie Lenz, durchs Gebirg, er, den man hatte wohnen lassen unten, wo er hingehört, in den Niederungen . . ." Eine Figur, die den Widerspruch der Untoten herausfordert, die jetzt sämtliche judenfeindlichen Klischees inklusive "Endlösung" als ihr eigentliches Gedankengut herausposaunen.<BR><BR>In diesem Moment macht Elfriede Jelinek die Opfer von Kaprun zu potenziellen Tätern. In diesem Moment bedeuten die Schienen auf der Bühne, die in den Tunnel führen, mehr als nur die Schienen der verunglückten Gletscherbahn. Mit ihnen assoziiert man nun jene Gleise, auf denen einst die Züge in die Konzentrationslager rollten. Und in diesem Moment ist die von der Autorin hergestellte Verbindung zu den überwiegend jugendlichen Toten von Kaprun ohne Logik. Sie ist unzulässig und taktlos. Es will einem scheinen, als sei dies ein anderes Stück. Als habe sie es an den ersten Teil angehängt, um zu einem Dramenschluss zu finden. Schlüssig aber ist das nicht, und fremd steht der Celan-Block auf der Szene. Die Provokation jedoch wirkt und wird verstanden.<BR><BR>Zumal der propagandistische Diskurs von zwei exzellenten Schauspielern geführt wird: sehr scharf von André´ Jung als einem Vertreter jener Kinder und _ hochsensibel, vielsagend, verinnerlicht _ von Stephan Bissmeier als Celan. Schauspielerisch punkten kann außerdem in diesem ansonsten eher mäßigen Ensemble nur noch Christa Berndl, die als ältere, goldbehängte Schickimicki-Skifahrerin ihre Figur in großer, beeindruckender Schlichtheit an den stillen Endpunkt des Seins führt. "Auf dem Stein bin ich gelegen, damals, du weißt, auf den Steinfliesen", heißt es bei Celan. Möglich, dass dieser Satz Ausschlag war für Ausstatterin Anna Viebrock, die den Bühnenboden mit Felsplatten ausstaffiert hat. "In den Alpen": insgesamt ein verstörendes, streitbares, radikales, problematisches Stück in einer sehenswerten, meisterlich zwischen Gipfel und Absturz balancierenden Inszenierung. Guter Auftakt zur neuen Saison.<BR><BR> 

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