Sopranistin Measha Brueggergosman im Herkulessaal

Gesamtkunstwerk ohne Schuhe

Müchen - Schon wieder eine dieser gedrechselten Karrieren also? Nur dass die Sopranistin diesmal nicht aus Russland kommt und den Sohn Tiago nennt, sondern eine Vorliebe für explodierte Frisuren und Hüftschwünge pflegt, gern barfuß singt und schon als quirlige Wiedergängerin Jessye Normans verkauft wird?

Doch dann steht Measha Brueggergosman auf der Bühne und verblüfft all die Puristen, die schon mit gewetzten Messern im Münchner Herkulessaal sitzen. Singt Orchesterlieder von Mahler und Strauss mit einer Klarheit und Texttreue, mit einer Tonkontrolle und stilistischen Intelligenz - und vor allem fernab vom Schmuse-Sound à la Renée Fleming. Die Kanadierin, man registriert es dankbar, hat interpretatorisch etwas zu sagen. Bei Strauss/ Mahler mit großem Ernst, bei den "Cabaret Songs" von William Bolcom mit jener Frechheit, jenem ansteckenden Witz, der sie zur Entertainerin adelt.

Zwischendurch gibt’s Conférencen, die sich thematisch zwischen Glühwein, dem Augsburger Studium und One-Night-Stands bewegen. Und oft jenes, mit Verlaub, dreckige Lachen, das unkontrolliert hervorbricht und einen auf den Gedanken bringt: Mit ihr müsste man mal weniger in Münchens Residenz, eher in einer Bar versumpfen.

Measha Brueggergosmans Stimme erfüllt nicht unbedingt das gängige Schönheitsideal. Was gar nichts macht, eher Unverwechselbarkeit sichert. Ihr Sopran ist herb, zu dramatischer Expansion fähig, aber meist zu verhalten für den Saal, stellenweise auch verspannt: eine kleine Indisposition?

Von einer großen waren wohl die Münchner Symphoniker unter Rainer Mühlbach befallen, die Bolcom und Gershwin akzeptabel spielten, das Sextett aus Strauss’ "Capriccio" im Doppelsinn vergeigten und zu Measha Brueggergosmans Erzählungen zitronige Gesichter machten. Hilft nichts: Diese Frau ist ein Gesamtkunstwerk und in jeder Sekunde authentisch. Also genau das, was der Klassikmarkt braucht.

Markus Thiel

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