Gesang ohne Worte

- Als Musiktheater, das aus "musikalischen, gestischen und topographischen Beziehungen" der Spieler entsteht, begreift der Komponist sein Stück. Wobei das gelegentliche Umherwandern auf der Bühne des Prinzregententheaters bei "ViolAlive" zwar überrascht, räumliche Klangverschiebungen ermöglicht - aber letztlich doch verzichtbar ist.

Nein, das Stück von Gideon Lewensohn, soeben mit riesigem Erfolg beim Münchener Kammerorchester uraufgeführt, "funktioniert" ganz von selbst. Lewensohns Musik, obwohl klanglicher und struktureller Experimentierlust nicht abgeneigt, ist ja reich an historischen Verweisen. Beinahe barocke Affekte paaren sich mit einer Emphase der Melodieführung, die an russische Romantik erinnert. Gerahmt wird "ViolAlive" für Schlagzeug und Streicher von dezenter Trommel-Martialik. Doch im Mittelpunkt steht der große, ausdrucksvolle, sehr sprechende Gesang der Solo-Viola. Und der lässt sich schöner, intensiver als von Kim Kashkashian nicht denken.<BR><BR>Bildet das Orchester anfangs noch eine lichte Klang-Korona für die Viola, häufen sich später - zum Teil unruhige - Reaktionen auf das Solo. Repetierende Figuren erzeugen den Eindruck einer gewissen Unablässigkeit, Soghaftigkeit: insgesamt also eine in jeder der knapp 30 Minuten höchst faszinierende "Gesangsszene" ohne Worte, der ein fester Platz im Viola-Repertoire zu wünschen ist.<BR><BR>Christoph Poppen und sein Kammerorchester hatten sich tief in Lewensohns Partitur hineingedacht, überreizten die Wiedergabe nicht, schienen dagegen an der eigentümlichen klanglichen Tiefenschärfe interessiert. Eher behutsam wurde auch Luciano Berios Notturno für Streichorchester (1995) modelliert, dieses filigrane, oft in spielerischem Gestus schwebende Stück. Und gleichzeitig eine "Antwort" auf Mozarts Serenata notturna D-Dur mit ihren Solo-Tutti-Wechseln.<BR><BR>Poppen ließ hier großbogig phrasieren, emanzipierte Nebenstimmen, bevorzugte einen gepflegt-eleganten Humor. Mozarts Hit könnte man sich gewiss blitzender, auftrumpfender denken. Doch so war er eben perfekt zwischen Berio und Lewensohn eingepasst.<BR>

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