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Selbst aus Indien kommt die Konkurrenz für klassische Tonstudios, die Synchron- oder Werbesprecher aufzeichnen.

Synchronsprecher

Das Geschäft mit der Stimme

Wer einen Synchron- oder Werbesprecher suchte, fragte bislang bei Tonstudios nach. Inzwischen drängen immer mehr Agenturen ins Geschäft mit den Stimmen – etwa mit Billig- Angeboten aus Indien.

Als Michael Krause vor 30 Jahren als Aufnahmeleiter zu der Münchner Film- und Fernsehsynchronisation (FFS) kam, waren die Rollen im Filmvertonen noch klar verteilt: Wer als Sprecher einen Auftrag suchte, ging zu einem Tonstudio. Wer eine gute Stimme für einen Film oder Werbespot braucht auch. Alles war relativ bequem, es war ein Geschäft mit wenigen Akteuren: Die Studios führten die Suchenden zusammen und realisierten im zweiten Schritt die Aufträge. Eine professionelle technische Ausrüstung und eine pralle Sprecherkartei: Das war bisher ihr Kapital.

Seit einiger Zeit gehen in Krauses Büro neben Bewerberanfragen auch immer wieder Anrufe von Agenturen wie „Stimmgerecht“ oder „Engelszungen“ ein. Ob er nicht einen Auftrag für einen vielversprechenden Neuzugang habe: jung, flexibel, sinnliche Lage?

Stimmenagenturen funktionieren nach demselben Prinzip wie Model- oder Schauspielagenturen: Wer Potenzial hat, bekommt einen Vertrag und muss sich nicht mehr selbst um die Auftragssuche kümmern. Manche Agenturen bieten sogar eigene Produktionsräume, andere haben das Geschäft ganz ins Internet verlagert. Dort können Kunden in digitalen Hörproben stöbern, während Michael Krause vom FFS seine Karteikarten noch per Hand ausfüllt.

Geld verdienen die Agenturen entweder, indem sie dem Auftraggeber eine Vermittlungsprovision berechnen oder vom Sprecher einen Gagenabschlag von meist zehn Prozent fordern. „Letzteres sehen die Studios als Wettbewerbsverzerrung“, sagt Reiner Maria Ehrhardt von der Berufsvertretung Vereinigung Deutscher Sprecher (VDS), eine Art Gewerkschaft der Branche. „Denn warum sollen sie dem Sprecher 200 Euro zahlen, wenn der von der Agentur im Endeffekt nur 180 Euro für denselben Auftrag bekommt?“ Die Studios seien „richtig sauer“. Michael Krause sagt dazu: „Eine Zusammenarbeit mit Agenturen haben wir gar nicht erst einreißen lassen. Dann wäre hier ziemlich schnell alles vorbei.“

Aber Ehrhardt weiß auch, dass sich mittlerweile fast jedes der gut 250 Mitglieder bei der VDS auch über Agenturen vermitteln lasse. „Viele Sprecher kommen ja nur so überhaupt an Jobs.“ Auch wenn es nur Mini-Jobs sind, wie man sie bei Armin Hierstetter findet.

Seit Anfang des Jahres 2008 ist der Münchner mit seiner Internetplattform www.bodalgo.com online. Das Prinzip: Der Auftraggeber kann ein Casting einstellen, mit dem er zum Beispiel eine weibliche Rolle im mittleren Alter für ein Hörspiel sucht. Alle Sprecherinnen, deren Profil passt, erhalten dann eine Einladung und können sich direkt bewerben. Das allerdings nur, wenn sie durch die kostenpflichtige „Premium-Mitgliedschaft“ die Adresse haben freischalten lassen. Dafür müssen sie dann bei erfolgreicher Vermittlung keine Provision zahlen.

Die meisten Chancen auf den Zuschlag haben Sprecher, die sich ein eigenes kleines Studio eingerichtet haben. Das kostet heute zwischen 2000 und 3000 Euro; die Arbeit des Tontechnikers ersetzt eine entsprechende Software.

Auch das sehen die Tonstudios als gefährliche Entwicklung. „Klar, denen bricht ihr Geschäft weg“, sagt Hierstetter, „aber so funktioniert eben der Markt.“ 1300 Sprecher hat er mittlerweile in seiner Online-Kartei. „Zwischenzeitlich gab es mal den Vorwurf, dass ich das Preisdumping fördern würde“, sagt Hierstetter. Die Sprecher fürchteten, sich nur mit extrem niedrigen Gagen gegen die Konkurrenz durchsetzen zu können. „Dabei habe ich den Leuten von Anfang an gesagt: Seid selbstbewusst, was die Preise angeht!“

Der Trend auf dem Preismarkt zeigt trotzdem nach unten. „Das gesprochene Wort wird immer billiger“, sagt der VDS-Vorsitzende Ehrhardt. Als Synchronsprecher arbeitet er schon lange nicht mehr – „weil es sich nicht mehr lohnt“. Besser geht es Werbesprechern, die je nach Verbreitungsgebiet und Dauer des Spots bis zu 250 Euro pro Wort verdienen – oder den deutschen Stimmen bekannter US-Schauspieler. Wie Arne Elsholtz, der Tom Hanks , Jeff Goldblum und Kevin Kline spricht, Tobias Meister (Sean Penn , Brad Pitt , Kiefer Sutherland und Gary Sinise) oder Daniela Hoffmann (Julia Roberts , Calista Flockhart).

Die aggressivste Preisoffensive kommt derzeit von einem Anbieter namens „voxbox“, ansässig im indischen Mumbai. Ehrhardt konnte es kaum glauben, als er die Hörproben auf der Website anklickte. „Da täuscht einer vor, dass er Deutsch kann, liest einen Text ab und nimmt dafür vier Cent pro Wort.“ Und das klingt so: „Wir können Ihren Anruf in verständiger Zeit nicht antworten. Trotzt, können Sie wieder angerufen sein, dafür schreiten Sie auf den Stern, oder Sie können uns eine Nachricht nach dem Piep lassen.“

Von Katharina Fuhrin

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