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Das Beste, was es gibt

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München - Ulrich Herbert legt nach zehn Jahren Arbeit die Gesamtdarstellung „Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert“ vor.

Wie wird man so einem Buch gerecht? Auf 1450 Seiten erklärt der Freiburger Historiker Ulrich Herbert Deutschland im 20. Jahrhundert. Es ist kein deskriptives Nachschlagewerk. Vielmehr dosiert Herbert das notwendige Maß an Fakten sorgsam. Er will Deutschland analysieren. Das ist kein leichter, flockiger Lesegenuss, aber immer eine intellektuelle Herausforderung. Am Ende ist man überzeugt: Es ist die beste Gesamtdarstellung, die bisher erschienen ist.

Herbert beginnt im 19. Jahrhundert. Er wehrt sich gegen die gängige Interpretation vom „kurzen Jahrhundert“ 1917 bis 1990, betrachtet auch den Ersten Weltkrieg nicht als alleinige „Wasserscheide“, sondern geht von einem „langen 20. Jahrhundert“ aus, dessen Wurzeln sich schon in den 1890er-Jahren finden.

1890 ist deshalb ein Bruchpunkt der deutschen Geschichte, weil hier der Aufstieg des deutschen Radikalnationalismus begann und nach dem Sturz Bismarcks und der Thronbesteigung Wilhelms II. eine vergleichsweise liberale Ära zu Ende ging. Nahezu idealtypisch legte 1912 der Mainzer Rechtsanwalt und Vorsitzende des Alldeutschen Verbands, Heinrich Claß, in einem damals spektakulären Buch („Wenn ich der Kaiser wär’“) die Ideenwelt der extremen Rechten offen: Judenhaß, Militärdiktatur, radikaler Anti-Sozialismus – ein Programmrahmen, der weit über die Vorstellungen des traditionellen Konservatismus hinausging. Wie Herbert zeigt, sollte diese Grundkonstante – eine radikale Rechte, die die tradierten Konservativen fortwährend angriff und radikalisierte – die Geschichte bis 1945 prägen. Letztlich, reflektiert Herbert, handelte es sich bei dieser Ideenwelt, für die der heute völlig unbekannte Anwalt Claß idealtypisch steht, nicht um reaktionäre Romantik, sondern um „das Konzept einer anderen Moderne“.

Vorerst siegte 1918/19 aber nicht dieses Konzept, sondern die Demokratie. Wie andere vor ihm verwahrt sich Herbert trotz der schwerwiegenden Hypotheken bei der Republikgründung gegen die Annahme, die Weimarer Republik sei von vorneherein zum Scheitern verurteilt gewesen. Schon allein die fast schlagartige Überwindung des Krisenjahres 1923 widerlege „eindrücklich jede Form des Determinismus“. Die deutsche Geschichte, obwohl belastet, war in vielen Situationen offen, betont der Historiker. Weder war im Juni 1914 der Erste Weltkrieg unabwendbar, noch 1939 der Holocaust. Das gleiche gilt 1933 für Hitlers Machtantritt: Ohne „das stetige Hinarbeiten“ von Reichswehr, Wirtschaftsverbänden, rechten Parteien und der Entourage des Reichspräsidenten hätte es der Nationalsozialismus nicht geschafft. Das „Dritte Reich“ aber, resümiert der Autor, „war angetreten, um eine radikale Alternative zu jener bürgerlich-liberalen Gesellschaft zu verwirklichen, die nach Weltkrieg und Weltwirtschaftskrise in fast ganz Europa als gescheitert angesehen worden war“.

Zu Ulrich Herberts Ausführungen zur NS-Zeit muss man nicht viel sagen: Man lese selbst! Herbert ist einer der besten Kenner der NS-Diktatur, als dessen Wesenselement er schlicht „die Gewalt“ benennt. Da schwingt zu Recht die Abwehr älterer Interpretationen mit, die Hitlers Diktatur im Kern zum Beispiel als „reaktionäre Moderne“ charakterisierten. Für Herbert sind nicht die Modernisierungsprozesse, die der NS-Staat in Gang brachte, essenziell, sondern eine „Mordpolitik, die alle bisher gekannten Dimensionen überstieg“.

1945 beginnt der auch rückblickend staunend machende Siegeszug der Demokratie in Deutschland, die Herbert klug darstellt. Besonders interessant sind seine kompromisslosen Ausführungen zur DDR, deren Geschichte er als „Abfolge von Phasen der ideologischen und politischen Härte und solchen des Zurückweichens“ interpretiert – wobei das Regime sich stets auf der Seite der Wahrheit wähnte. Nie gab es ein politisches System, das bedingungsloser schlicht einer Programmatik folgte. Lesenswert ist das Kapitel „Deutschland um 1965: Zwischen den Zeiten“ – für Ulrich Herbert, so gewinnt man den Eindruck, ist das die beste Zeit, die es in Deutschland seit je gab. Sie war gekennzeichnet von Optimismus, gesellschaftlichem Aufstieg und Euphorie. Der damalige Wirtschaftsminister Karl Schiller (SPD) wurde dabei zur schier mythischen Gestalt, weil er anhand von Wirtschaftsdaten die Planbarkeit von Wohlstand annahm – mit Störfeuern von außen, der Ölkrise etwa, hatte er nicht gerechnet. Dieser lang anhaltende Planungsoptimismus zog aber auch damals euphorisch begrüßte Entwicklungen nach sich, die man heute bedauern mag – Stichworte: Hochhausbau, Atomkraft (von der SPD in den Fünfzigerjahren beschworen), der Glaube an Auto und Autobahn.

Am Ende ist Herbert eher Pessimist: Er verweist darauf, dass der bisherige Ordnungsrahmen eines „liberalen und sozial abgefederten Kapitalismus“ nicht mehr in der Lage zu sein scheint, neue Herausforderungen zu verarbeiten: Ob nun der enthemmte Finanzkapitalismus, die Dynamik des Nord-Süd-Konflikts oder ein ungleichgewichtiges Europa „mit einer gefährlichen Dominanz Deutschlands“ – all das sind internationale Konstellationen, auf die es keine schlüssigen Antworten gibt. Und vom Ukraine-Konflikt konnte Herbert, als er nach zehn Jahren Schreibarbeit sein Werk abschloss, noch gar nichts wissen.

Dirk Walter

Ulrich Herbert:

„Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert“. C. H. Beck Verlag, München, 1450 Seiten; 39,95 Euro.

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