Geschichte einer Schikane

- Mit einem Stück der Trostlosigkeit eröffnen heute die Münchner Kammerspielen ihre neue Spielzeit: "Plastilin" vom dem jungen russischen Autor Wassiliy Sigarew. Ein Bühnentext, der Ausdruck der Hoffnungslosigkeit zu sein scheint. Es ist die Geschichte einer Schikane, eines dauernden Missbrauchs. Und es erzählt von Maxim, einem Jungen, der in einer tristen, feindlichen Umwelt zugrunde geht. Inszeniert wird das Stück von Anselm Weber.

<P>Der gebürtige Münchner hatte 1989 seine erste Regiearbeit an den Kammerspielen abgeliefert. Turrinis "Die Minderleister" erhielt damals den Regiepreis der Bayerischen Theatertage. Seitdem hat Weber am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg oder am Schauspiel Frankfurt gewirkt. In München war zuletzt von ihm Grabbes "Don Juan und Faust" im Residenztheater zu sehen. Jetzt ist er wieder an die Kammerspiele zurückgekehrt _ hauptsächlich weil er, wie er sagt, Intendant Frank Baumbauer gut kenne: "Das ist eine logische Entwicklung. Man arbeitet ja in Zusammenhängen und sucht sich künstlerische Heimaten."</P><P>An "Plastilin" interessieren Weber die ganz großen Themen: "Leben, Tod, Liebe. Eigentlich ist es ein Stück über den Tod. Was ist das für eine Welt, in der der Tod eine Alternative zum Leben ist?" Zwei Figuren hat Weber deshalb besonders ausgebaut, den toten Freund des Helden, der als Trugbild auftaucht, und das Mädchen, das der Held liebt. Dies alles werde aus der Sicht der Hauptfigur geschildert. Weber: "Sie müssen sich das filmisch vorstellen. Wie sieht Maxim die Welt?" Seine, Webers, Inszenierung sei eine Reise in den Kopf von Maxim. Zwischen Fantasie und Realität sei dabei manchmal nicht mehr zu unterscheiden.</P><P>Das Plastilin, aus dem Maxim nachts Figuren knetet, hat für Weber zwei Bedeutungen. Zum einen verkörpere sich im Spiel mit der Knetmasse "der Versuch, die Welt zu kreieren, sie plastisch zu machen". Zum anderen sei es auch eine Art "Sandsack, an dem man seine Energie abbauen kann".</P><P>"Kein Problem mit der Gewalt, wenn sie die Handlung voran treibt."<BR>Anselm Weber</P><P>Eine andere Möglichkeit, sich abzureagieren, bietet die Gewalt, die in dem Stück allgegenwärtig und alltäglich zu sein scheint. Diese auf die Bühne zu bringen, damit habe er keine Probleme, meint der Regisseur: "Wenn sie die Handlung voran treibt." Viel mehr interessiere ihn jedoch "das Davor und Danach. Wie kommt es dazu, und was ist die Konsequenz der Gewalt?" Natürlich müsse man die Gewalt "theatralisch machen", also stilisieren. Und damit berührt Weber ein generelles Problem im Theater: "Wenn man echten Sex auf der Bühne zeigen würde, würden die Leute trotzdem denken, er sei gespielt. Das ist die Verabredung im Theater. So tun als ob. Und wenn tatsächlich jemand glaubt, dass es echt ist, dann wird das Stück zerstört."</P><P>Auch in seiner nächsten Arbeit wird den Regisseur dieses Problem beschäftigen. "Der Kissenmann" von Martin McDonagh, das Anselm Weber am Wiener Akademietheater auf die Bühne bringen wird, porträtiert eine ebenso gewaltbereite Gesellschaft wie jene russische in "Plastilin".</P>

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