Die Geschichte einer verlorenen Illusion

- Der alternde Mann ist ein typisches Mitglied des verarmten spanischen Landadels. Einen letzten Anschein der einstigen Noblesse will er noch aufrecht erhalten, indem er sich der körperlichen Arbeit des gemeinen Volkes verweigert und stattdessen der Muße hingibt, vornehmlich der Lektüre von Ritterromanen. Doch dann schnappt er über: Der mickrige Junggeselle erklärt einen alten Klepper zum Schlachtross Rocinante und macht sich auf in den Kampf zu Ehren Gottes und der Dorfpomeranze Aldonza, die er zum edlen Fräulein Dulcinea del Toboso hochstilisiert.

<P>Etwas Unerhörtes tut dieser bis dahin Bedeutungslose: Er erfindet seine Umwelt und sich selbst neu. Aus einem, von dem man nicht einmal sicher weiß, ob er nun Quijada, Quesada oder Quejana hieß, wird Don Quijote de la Mancha, die unsterbliche Figur der Weltkultur.<BR><BR>Der Ritter von der traurigen Gestalt feiert dieses Jahr seinen 400. Geburtstag, und dieses in Spanien groß bedachte Jubiläum führt uns ein wahres Wunder der Literaturgeschichte vor Augen. Kaum ein anderer Roman hat über die Jahrhunderte so viel von seinem unmittelbaren Witz, von seiner Aktualität und seinem Zauber bewahrt wie Miguel de Cervantes Saavedras Meisterwerk, dessen erster Band 1605 in Madrid erschien. Mit seinen geschätzten 2300 Auflagen in 68 Sprachen gilt "Don Quijote" nach der Bibel als am weitesten verbreitetes Buch der Erde.<BR><BR>Sieht man den Quijote in erster Linie als erheiternde Lektüre, dürfte das Cervantes' Absicht kaum widersprechen. Er legte seinen Roman als beißende Parodie auf die seiner Zeit populären Ritterepen an. Deren Pathos von Heldentum und reiner Liebe setzte er spöttisch in Gegensatz zur Realität des dekadenten Spaniens unter Philipp III., das von Korruption, aristokratischen Launen, mit Armen überbevölkerten Städten und dem Treiben von Straßenräubern geprägt war.<BR><BR>Aber auch ohne diese (literatur-)historischen Zusammenhänge funktionierte Cervantes' Roman bei vielen folgenden Lesergenerationen weiter.<BR><BR>Das wäre kaum möglich gewesen, steckte in dem Buch nicht viel mehr als nur bösartiger Humor. Cervantes projizierte auch etwas von der Tragik seines Lebens in die Romanfigur. Vom Ruhm als Schriftsteller und Soldat hatte Cervantes geträumt, nun, mit etwa 50 Jahren, fiel die Bilanz seines Lebens ernüchternd aus: eine unglückliche<BR>Der unsterbliche Rebell</P><P>Ehe, eine im Krieg verstümmelte Hand und wenig Erfüllung verheißende Jobs als Proviantaufkäufer für die Flotte und Steuereintreiber. Wegen Veruntreuung von Steuergeldern hatte man ihn sogar zweimal ins Gefängnis gesteckt, wo der erste Teil des Buches entstanden sein soll.<BR><BR>Der Dichter von der traurigen Gestalt. Die Romantiker im 19. Jahrhundert stellten den tragischen Quijote entschieden in den Vordergrund. Der idealistische, unverbesserliche, zum Scheitern verurteilte Träumer, das war ein Held nach dem Geschmack der Epoche. Für Dostojewski war der Quijote "das traurigste Buch, das je geschrieben wurde, denn es ist die Geschichte einer verlorenen Illusion". Und heute? Da muss man noch immer staunen vor einem Werk, dass für so viele Deutungsansätze offen ist und dem noch immer ein anarchischer Geist innewohnt. Don Quijote lehnt sich auf gegen alles, was die Gesellschaft für schicklich, politisch korrekt oder modern hält, lebt völlig ungeniert nach seinen eigenen Maßstäben. Herrschende Rechtsauffassung und Strafgesetzbuch scheren den anachronistischen Ritter wenig. Für ihn gilt allein das Naturrecht des Menschen auf Freiheit und die Pflicht zur Nächstenliebe. Der peruanische Romancier Mario Vargas Llosa feiert den Roman dafür als "Hohelied auf die Freiheit".<BR><BR>Im 21. Jahrhundert rebelliert Don Quijote weiter: gegen die Selbstgefälligkeit, die Welt berechnen und eine scharfe Grenze zwischen Wahn und Wahrheit ziehen zu wollen. Dem Diktat des Rationalen setzt er die Logik des Schönen entgegen. Und er schenkt uns die Gewissheit, dass jede dauerhafte Realität in der Fantasie gründet.</P><P>Auftakt zum Quijote-Jahr in München: Die valencianische Gruppe Bambalina Titelles zeigt im Künstlerhaus am Lenbachplatz das preisgekrönte Puppenspiel "Quijote" heute, 20 Uhr, und morgen, 17 und 20 Uhr. Karten unter Telefon 089/ 29 07 18 13.</P>

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