Geschichte: Das Ende des Prager Frühlings

Prag - Vor vier Jahrzehnten, am 21. August 1968, walzten unter den Augen der Welt die Panzer der Warschauer-Pakt-Staaten den Prager Frühling nieder. Jetzt erstmals in einem Bildband veröffentlichte Aufnahmen des Fotografen Josef Koudelka zeigen die Invasion der "Bruderländer" aus intimster Nähe.

Es ist wieder August. Am 13. August 1961 wurde mit sowjetischer Duldung die Berliner Mauer gebaut und mit ihr die politische Teilung der Welt betoniert. Am 21. August 1968 donnerten die sowjetischen Panzer und mit ihnen polnische, ungarische, bulgarische und verheerenderweise auch die der DDR durch die Dörfer und Städte der Tschechoslowakei (CSSR), um die Utopie eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz gewaltsam zu beenden. Am 18. August 1991 putschten in Moskau Funktionäre der KPdSU und setzten vorübergehend Gorbatschow ab. Und am 8. August 2008 rollten Putins Panzer nach Georgien. In den Nachrichten des Bayerischen Rundfunks war in diesem Zusammenhang von den "russischen Friedenstruppen" die Rede.

Vierzigster Jahrestag der Invasion der Warschauer-Pakt-Staaten: Wer sich noch daran erinnert oder/ und wer sich die Fotos Josef Koudelkas anschaut, weiß, was es mit den "Friedenstruppen" Russlands auf sich hat. Offiziell kamen sie immer als Freunde, 1953 in Berlin, 1956 in Budapest, 1968 in Prag. Die Bilder aber sprechen eine andere Sprache.

1968 -­ das Jahr der Hoffnung und des Aufbruchs

1968 - das war das Jahr des Prager Frühlings, der mit seinen politischen und gesellschaftlichen Reformen den gesamten Ostblock infizierte und die Flamme der Freiheit in den Köpfen und Herzen der Menschen entfachte. 1968 ­ das war das Jahr der Hoffnung und des Aufbruchs ­ mit dem damaligen Parteichef Alexander Dub(c)ek (1921-1992) als Symbolfigur ­ und des tragischen Verlusts.

Die Panzer kamen in der Nacht zum 21. August. Die Welt hielt den Atem an. Es gab Gegenwehr, es gab Tote und Verletzte. Und über allem diese große, tiefe Trauer der Bevölkerung. Josef Koudelka hatte bis zu jenen Tagen Schauspieler und andere Persönlichkeiten aus dem Kulturbetrieb abgelichtet. Nie sei er Reporter gewesen. Nun griff er, ohne viel zu überlegen, zur Kamera und ging auf die Straße: "Plötzlich, zum ersten Mal in meinem Leben, war ich mit einer solchen Situation konfrontiert. Ich habe darauf reagiert. Ich wusste, es war wichtig zu fotografieren, also fotografierte ich. Ich habe nicht viel darüber nachgedacht, was ich tat."

Diese Aufnahmen des lange anonym gebliebenen und heute hoch geehrten Fotografen sind ein einzigartiges, unvergleichliches Dokument über Okkupation und Widerstand. Es zeigt die rollenden Panzer und den Schock der Passanten, die zielgerichteten Kanonenrohre und Rotarmisten mit Maschinengewehren im Anschlag, die geschlossenen Läden und die Warteschlangen davor, die Menschenmenge am Wenzelsplatz und die Gefangennahme von Passanten. Blutdurchtränkte Fahnen und Panzer, die von den Einwohnern Prags bei der Verteidigung des Tschechoslowakischen Rundfunks in Brand gesteckt wurden. Immer wieder erstaunt der Mut der Bevölkerung. Man hat den Eindruck, ganz Prag hat sich furchtlos gegen die Invasoren gestemmt. Ein junger Mann trotzt mit entblößter Brust dem Gewehr eines Panzersoldaten. Sitzblockade auf dem Altstädter Ring. Zerschossene Fassaden. Ein Kinderwagen zwischen den Geschützen. Bestattung der Toten. Und immer wieder die von Entsetzen und Trauer gezeichneten Gesichter der Menschen.

Koudelkas Bilder, unbestechlich und voller Wahrheit, zeigen aber auch die andere Seite. Plötzlich das Antlitz eines jungen sowjetischen Soldaten, der aus seinem Panzer schaut: verwundert, verzweifelt, verständnislos, erstaunt. Als frage er sich: Was soll ich hier? Die den Betrachter fesselnden Bilder sind ergänzt durch eine den Fotos zugesellte Dokumentation der Ereignisse: Nachrichtenmeldungen des Freien Senders des Stadtkomitees der KSC, Zeitungsausschnitte, Augenzeugenberichte, Parolen, Beschlüsse...

Ein Buch, das zum Verweilen einlädt; das einen förmlich hineinzieht in die Ereignisse; das man liest und sich anschaut voller Respekt und Ergriffenheit; und das im Moment notwendiger ist denn je.

Josef Koudelka:

"Invasion Prag 68". Verlag Schirmer/Mosel, München, 296 Seiten, 249 s/w-Bilder; 49,80 Euro.

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