Geschichte ganz nah

- Ein verrosteter Stahlhelm und eine zerfressene Phosphorbombe - ferne Geschichte? Nein, Geschichte ganz nah. Gerade erst ausgegraben bei den Bauarbeiten für das Jüdische Gemeindezentrum auf dem St.-Jakobs-Platz. Schon im Eingangs-Windfang zu der neuen Stadtmuseumsabteilung "Nationalsozialismus in München - Chiffren der Erinnerung" wird das Ende des "Dritten Reichs" signalisiert: 30 000 Tote, zigtausend verschleppte/ermordete jüdische Bürger, 10 000 Vermisste, 300 000 Obdachlose, 90 Prozent der Stadt zerstört. Die Dauerausstellung zu einem zentralen Punkt der Münchner Geschichte ist jetzt endlich zugänglich.

<P>Der Streit<BR>ist beigelegt</P><P>Eine etwas seltsame "Werbung" dafür betrieben im vergangenen Sommer Oberbürgermeister Christian Ude und Kulturreferentin Lydia Hartl mit einem, wie sich nun herausstellt, Sturm im Wasserglas. Sie hatten damals die noch unfertige Präsentation besichtigt und gleich wild losgewettert. Man fand sie völlig unangemessen, Worte wie "Nazi-Nippes", "Nazi-Devotionalien" fielen. Die Eröffnung wurde verschoben, ohne dass sich andere ein Urteil hätten bilden können. Der weitere Verlauf war unklar, und die Objekte mussten wieder eingemottet werden. So wurde nicht nur das Museum, sondern  auch die überregional renommierte Kuratorin Brigitte Schütz beschädigt, zumal sich Museumschef Wolfgang Till nicht energisch hinter sie gestellt hatte. Mittlerweile ist Ude zurückgerudert: Keine Aussage sei falsch, kein Exponat historisch unzulässig gewesen. Aber der Gesamteindruck! Heute sind alle befriedigt. Wurde ja nur Zeit und Geld verschwendet . . .</P><P>Sicher, die Berührungsängste sind groß. Bräunliche Flecken will keiner auf seiner demokratischen Weste sehen. Nazi-Anbetungsstücke soll es nur ja nicht geben. Aber Museen müssen Gegenstände herzeigen, sie sind keine Dokumentationsstätten. Um die Gemüter zu beruhigen, unterstreicht schon der Titel "Chiffren der Erinnerung", dass der Besucher mitarbeiten, etwas dechiffrieren muss. Auf Deutsch und Englisch wird jeder Abschnitt vom "Kampf um die Macht nach 1918" bis zum "Krieg" und jedes Objekt von der Hakenkreuzfahne bis zu den Fotos von KZ-Opfern erklärt. In der mal raffinierten, mal eleganten, mal bewusst bedrängenden Ausstellungsarchitektur von Michael Hoffer, die den kleinen, unpraktischen Schlauch-Raum (300 Quadratmeter auf der Oberanger-Seite) bestens in den Griff bekommt, findet sich ein chronologischer Rundgang von 1918 bis 1945, bestückt mit garantiert echten Exponaten (viele Fälschungen sind auf dem Markt) Münchner Herkunft, mit Fotos, Plakaten, Schriftverkehr und Film-Interviews von Menschen, die Widerstand geleistet haben. Es gibt sogar eine Leseecke und einen Dokumentarfilm-Raum.</P><P>"Nationalsozialismus in München" hebt die Besonderheiten dieser Stadt hervor: Hier wurde die NSDAP mächtig durch vielfältige Unterstützung. Hier wurde das Terror-System entwickelt (KZ Dachau). Hier befand sich eine rassistische Hochburg. Hier florierten Rüstungsbetriebe, in denen zahllose KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter umkamen. Neben Heimattümelei ließ sich München als Kunststadt außerdem gut als Verharmlosungs-Instrument benutzen: Festzüge, Monumentalarchitektur, Kunsthandwerk, "Große Deutsche Kunstausstellung". Zugleich funktionierte durch Bücherverbrennung und "Entartete Kunst" die intellektuelle Verfolgung reibungslos. So kontrastiert die Exposition zum Beispiel all die verbotenen Bücher mit braunen Druckerzeugnissen, die in München massenweise - auch schon vor der Machtergreifung - produziert wurden.</P><P>Die meisten dieser "Befunde" werden aber nicht historisch unterkühlt dargestellt, sie werden, wenn möglich an Einzelschicksalen festgemacht. Da sieht man die Fotografien des Leichnams von Sebastian Nefzger. Er war der 13. Ermordete im KZ Dachau. Die Polizei wies der SS das Verbrechen nach, so informiert die Texttafel. Natürlich wurde der zuständige Staatsanwalt bald abgesetzt. Oder da sind die Marionetten von Maria Luiko. Sie wurde von einer Nachbarin denunziert, nach Litauen verschleppt und kam dort um. Tatort ist auch das Stadtmuseum selbst, denn am Rosental stand das Kaufhaus Uhlfelder. An ihm zeigen sich exemplarisch das Pogrom vom 9. November, "Arisierung", Entrechtung und Erpressung der jüdischen Bürger, ja sogar deren schäbige Behandlung nach dem Krieg.</P><P>Die Vernetzung von Tätern und Opfern ist Brigitte Schütz beklemmend gut gelungen. Der Besucher spürt, wie sich das entsetzliche Gespinst aus Nutznießern und Ausgebeuteten, Denunzianten und Aufrechten, Sadisten und Gequälten über ihn legt. Befehlshaber, Feiglinge, Handlanger, Gleichgültige, Ängstliche, Ausgestoßene, Hilflose werden tatsächlich zu Nachbarn. Keine anonyme Geschichte. Münchner Geschichte. . P.S. Das Stadtmuseum musste die neue Abteilung aus eigenen Mitteln finanzieren. Ein zusätzlicher Etat wurde vom Kulturreferat/Stadtrat nicht zur Verfügung gestellt.</P><P>Bis Pfingstmontag freier Eintritt. Tel. 089/ 233 22 370; Publikation: Katalog der Ausstellung "Hauptstadt der Bewegung" 22 Euro; Stadtplan zur NS-Topografie zwei Euro. Führungen für Klassen bzw. Erwachsene: MPZ ab 25. 6. 089/ 28 81 56 22, 089/23 80 52 96.<BR></P>

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