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Schöner Schein der menschlichen Paar-Harmonie: Jochen Noch und Sylvana Krappatsch, Peter Brombacher und Max Simonischek, Anna Drexler und Stefan Merki (v. li.) sowie Jeff Wilbusch und Wolfgang Pregler (ganz vorne).

"Geschichten aus dem Wiener Wald"

Bitterböses im Dreivierteltakt

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München - Stephan Kimmig inszenierte für die Münchner Kammerspiele Ödön von Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald". Die Kritik:

„Alles Walzer“ in Münchens Kammerspielen. Bereits im Foyer des Schauspielhauses drehten sich am Samstag die Paare zum Dreivierteltakt, charmant lächelnd, elegant an den Premierengästen vorbei. Auf der Bühne zeigte Regisseur Stephan Kimmig indes, dass die Walzer-Seligkeit kaum mehr als schöner Schein, liebliche Fassade ist: Die Figuren in seiner Inszenierung von Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ möchten sich so unbedingt hinaufschrauben in ein besseres Leben. Doch gelingt es keinem, wirbelnd im Takt der Musik abzuheben. Erdenschwer bleiben sie kleben in ihrer Spießigkeit.

Nachdem Christian Stückl das 1931 uraufgeführte Stück in der vorvergangenen Spielzeit an seinem Volkstheater inszenierte, hat sich nun Münchens andere städtische Bühne Horváths Drama angenommen. Während Stückl ein kleinbürgerliches Typenkabinett entfaltete, schrill, schnell und schräg, findet Kimmig an den Kammerspielen einen sehr viel artifizielleren, doch nicht minder stimmigen Zugriff. Er erzählt die Geschichte der Marianne, die sich an ihrem Verlobungstag in den Hallodri Alfred verliebt und ihrem Oskar den Laufpass gibt, als Tanz-Marathon. Spießig im Walzertakt: Auf dem sich gemächlich drehenden Holzboden, den Katja Haß gebaut hat, sind die acht Schauspieler permanent in Bewegung, wippen, tippeln, schwofen zur Musik von Polly Lapkovskaja.

Stephan Kimmig, der an den Kammerspielen unter anderem die sehr guten Arbeiten „Atropa“ und „Liliom“ inszenierte, hat seinem zwei Stunden langen, pausenlosen Abend ein strenges Korsett verpasst, das leicht Horváths Geschichte hätte ersticken können. Stattdessen entlarvt das nicht nur konditionell bestens aufgelegte Ensemble Bitterböses im Dreivierteltakt – ohne jeden Betroffenheitskitsch. Denn dem Regisseur gelingt es, die formale Strenge seiner Inszenierung organisch wirken zu lassen.

Die Schauspieler charakterisieren in den Tänzen ihre Figuren: Wolfgang Preglers Zauberkönig bewegt sich mit stolz geschwellter Brust; Sylvana Krappatsch beschwört in den Verrenkungen ihrer Valerie die Laszivität längst vergangener Tage herauf; Stefan Merki schreitet als Oskar die Schrittfolgen bieder-korrekt ab; Alfred dagegen, dieser Strizzi, tanzt bei Max Simonischek weit ausschweifend und gern mit der Hüfte voran. Einzig Marianne, von der wunderbaren Anna Drexler mit Selbstbewusstsein ausgestattet und stets um Haltung bemüht, hat immer wieder Probleme, im Takt der Gruppe mitzuhalten.

Gerade die Tänze erzählen auf ihre Art diese Geschichte: Horváths Figuren sind Einzelkämpfer – und Einzeltänzer. Sobald sich Paare zusammenfinden, wird es steif, schleppend, stolpernd. Tanzt die Gruppe im Kreis, kippt der Ringelreigen zum Ringkampf. Allen Schauspielern gelingt es, trotz der tänzerischen Herausforderung ihre Figuren zu gestalten. Im Zentrum: die soeben mit dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnete Drexler, die berührend und facettenreich Mariannes Mühen um Würde und Selbstbestimmung interpretiert. Auch als diese junge Frau am Boden ist, sich als Tänzerin in einem Nachtlokal verdingt, zeigt Drexler sie nicht als Opfer, sondern als eine, die mit Anstand (und Humor) die peinliche Situation durchstehen will. Doch die anderen verurteilen all jene, die aus dem Takt sind – so auch Marianne. Erst am traurigen Ende, als ihr Widerstand gebrochen, Alfred sie hat sitzen lassen, das gemeinsame Kind tot und sie zu Oskar zurückgekehrt ist, wird Marianne im Takt mit den anderen tanzen dürfen, müssen. Alles Walzer? Alles bitter. Großer Jubel.

Nächste Vorstellungen

am 22. und 27. Oktober sowie am 7., 15., 21., 26. November; Tel. 089/ 233 966 00.

Von Michael Schleicher

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