Geschichten vom Goldenen Zeitalter - Georgische Nationalensemble in München

München - Es gibt Kulturen, von denen ahnt man nicht einmal etwas. Und wenn doch, handelt es sich meist um Klischees. Mit den georgischen Kulturschätzen ist es so, und wer dabei an slawische Schwere und Deftigkeit denkt, liegt falsch. Allein die georgische Sprache, das Kartwelische, gilt neben Baskisch, Hethitisch und Etruskisch als eine der Ursprachen und hat mit dem Indogermanischen und auch mit dem Slawischen nichts gemein.

Ihre Schriftzeichen, filigran, ornamental, verschlungen, können fast sinnbildlich stehen für den Charakter der georgischen Gesänge und Tänze: In ihnen verbinden sich Feinheit und Kraft, Eleganz und Temperament auf ungekannte Weise.

Zu erleben ist das ab 2. Januar in Münchens Deutschem Theater, wenn mit "Legends of the Storm ­ Das Geheimnis des Goldenen Zeitalters" die Truppe von Erisioni dort gastiert. Das georgische Nationalensemble, gegründet 1885, nimmt für sich in Anspruch, die jahrhundertealten Künste zu bewahren. Und zwar, darauf legt Direktor Jemal Chkuaseli Wert, ohne sie zu modernisieren oder den heutigen Hörgewohnheiten anzupassen. Das ist auch gar nicht nötig. Gerade ihre Fremdartigkeit bezaubert, der getrippelte Spitzentanz oder der komplexe, flächige Polyphongesang, der noch viel älter sein soll als die frühe europäische Mehrstimmigkeit. In den 60er-Jahren soll Igor Strawinsky gesagt haben, er wäre ein besserer Komponist geworden, hätte er die georgische Musik früher kennengelernt. Seit 2001 steht sie auf der ersten Unesco-Liste des mündlichen und immateriellen Weltkulturerbes. Chkuaseli, der als Leiter von Erisioni auch über die Ausbildung von 1600 Nachwuchskünstlern im Alter von sechs bis 18 Jahren wacht, ist besonders stolz darauf, dass es die georgische Musik noch viel weiter, nämlich bis ins Weltall gebracht hat: Als 1977 die US- Raumfahrtbehörde NASA den Forschungssatelliten Voyager mit Beispielen der schönsten Menschheitszeugnisse bestückte, wurde neben Beethoven, Beatles und Louis Armstrong auch das georgische Lied "Vereinigung" ausgewählt. Ein weiterer Grund für Nationalstolz ist der Choreograph Georgi Balantschiwadse, besser bekannt unter dem Namen George Balanchine.

Das sind nicht wenige Indizien dafür, dass es mit den georgischen Künsten etwas Besonderes auf sich haben muss. Am Rustaweli-Boulevard in Tiflis, wo kürzlich Oppositionelle gegen die Regierung von Micheil Saakaschwili demonstrierten und gewaltsam auseinander getrieben wurden, hat Erisioni seinen Sitz. Sein Proben- und Schulgebäude, erbaut 1910 als Kulturzentrum für den Kaukasus, hat bessere Zeiten erlebt. Aber auch schlechtere: Seit Georgien 1921 Sowjetrepublik wurde, residierte hier 70 Jahre lang die russische Armee und erst seit 1972 mit Erisioni immerhin zugleich wieder die Kultur.

Inzwischen bieten die schönen Räume wenig Komfort, dafür aber den Charme eines verwunschenen Schlosses. Kein Wunder, dass Sänger und Tänzer einer anderen Zeit entsprungen scheinen. Nicht nur in den mittelalterlich anmutenden Kostümen ­ lange Roben mit Schleier für die Damen, Kniehosen und Schwerter für die Herren ­ scheinen sich die Jahrhunderte zu spiegeln. Wie Geistererscheinungen schweben die Burgfräulein, unter den Röcken behände trippelnd, übers Parkett, die Reihen der höfischen Paare werden regelmäßig wie von Fäden auseinander gezogen und in komplizierten Mustern wieder zusammengeführt.

Später wirbeln Landmädchen mit Zöpfen und Wollstrümpfen zu den feinen Klängen von Trommeln, Zupfinstrumenten und Akkordeon umher, und wie die Springteufel sausen Kämpfer durch die Lüfte, fechten mit Säbeln, dass die Rockschöße fliegen und die Funken sprühen. In den unbewegten Momenten hebt der Männerchor zu einem geheimnisvollen Gesang so gewaltig an, dass er fast den morschen Stuck von der Decke holt. Tanzstile und Kostüme verdeutlichen, wie unterschiedlich sich die regionalen Kulturen des im zerklüfteten Kaukasus gelegenen Georgien ausgestaltet haben. Sie zeigen aber auch die äußeren Einflüsse, denen das kleine, flächenmäßig mit Bayern vergleichbare, zwischen Schwarzem Meer und Aserbeidschan gelegene Land immer wieder ausgesetzt war. Schon die Griechen ließen die Argonautensage in Kolchis im westlichen Georgien spielen und Prometheus an einen Felsen des Kaukasus schmieden. Nach Invasionen durch Assyrer und Mazedonier und Abhängigkeit von Byzanz gelangte das Land unter dem Königspaar David und Tamara zu einer Blütezeit, die vom 11. bis ins 13. Jahrhundert währte ­ das Goldene Zeitalter.

"Legends of the Storm" bezieht sich im Untertitel auf diese Epoche, meint damit aber ein mythisches Zeitalter, das die kulturelle Identität des Volkes ausmacht. Wie stark sie ist, beweist die Tatsache, dass sie all die imperialen Begehrlichkeiten von Mongolen, Persern und seit dem 18. Jahrhundert der Russen überdauert und sich deren Einflüsse allenfalls zunutze gemacht hat. Ein eindrucksvolles Beispiel davon gibt das Ensemble Erisioni.

Von 2. bis 13. Januar, Telefon 089/55 23 44 44.

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