Der Geschichtenerzähler

- Ein "Bilderfabrikant" sei er, sagt der Fotograf Thomas Hoepker, und kein Künstler. Dass der gebürtige Münchner (Jahrgang 1936), der heute in New York lebt und der Präsident der Magnum-Agentur ist, nicht nur - durch das Studium der Kunstgeschichte und Archäologie - ästhetisch geschult war, sondern auch selbst Kunst schuf, zeigt im Münchner Fotomuseum (Stadtmuseum) die umfangreiche Ouvre-Ausstellung "Thomas Hoepker Photographien 1955-2005" (Stiftung von Originalabzügen vor sechs Jahren).

Die Schau will aber gar nicht Kunst vorstellen, sie schildert vielmehr die Vorgehensweise eines Bildjournalisten, der künstlerische Strategien benutzt, um visuell an eine tiefere Wahrheit heranzukommen. Deswegen war Hoepker auch nie ein Sensationsreporter.

Feiner Humor und analytischer Blick

Selbst wenn er Katastrophen registrierte, ob die Hungers Sterbenden in Äthiopien 1963, ob die Szenarien um den 11. September 2001 in New York, dann nahm er nie den platten Schocker auf; seine Augen, seine Kamera sehen so, dass stets eine künstlerische Distanz gehalten werden kann. Und die ist eben nie gefühlig, aber immer gefühl- und respektvoll. Obwohl Hoepker einen feinen, manchmal aufspießenden Humor an den Tag legt.

Die Präsentation beginnt mit dem "Künstler". Hoepkers alte Hamburgerin im Schneesturm (1954) ist ein Geniestreich in Schwarz-Weiß und in dem Spiel zwischen Auflösung und Konturierung. Daneben, gut zusammengestellt, der kritische Diskurs: Ruinenkinder (1954); zehn Jahre später die Kinder einer Armensiedlung, die genauso elend ausschauen wie die Nachkriegskinder; schließlich, hart angeschnitten, das saturierte Publikum beim Hamburger Pferderennen (1966). Und wie die Blicke dieser Menschen sprechen.

Kein Wunder also, dass Hoepkers Fotoreportagen bisweilen ganz andere Geschichten erzählten als die nebenstehenden Artikel. Seit den 60er-Jahren prägte der Fotograf diese heute aussterbende journalistische Gattung - zunächst bei "Kristall", dann beim "Stern"; "Geo" ist eine Station, aber auch des Öfteren das Medium Fernsehen. Ihm muss er sich zuwenden, denn jetzt gäbe es für Bilderstrecken keine Aufträge mehr. "Wenn ich eine Geschichte erzählen will, muss ich drehen." Auf diese Weise geht eine besondere Art der Geschichtsschreibung verloren, denn Hoepker manifestierte optisch die USA der frühen 60er, den DDR-Alltag der 70er, den Muhammad Ali von 1966 - darunter das legendäre Faust-Bild - und den von 1997, mit dem 1966-Fotoalbum in den Händen.

Thomas Hoepkers tiefes künstlerisches Verständnis ermöglichte ihm auch eine überlegene Beherrschung der Farbfotografie. Bei Naturaufnahmen funktioniert sie in der Regel noch, aber ansonsten haben viele Kollegen arge Probleme. Hoepker aber gestaltet sogar noch die unbezähmbare Farbenpracht der Indios und bindet sie beim "Mädchen auf dem Blumenmarkt in Chichicastenango" (Guatemala, 1991) ein in eine Studie über lateinamerikanische Melancholie, bei der Frida Kahlo Patin gestanden haben könnte. Dass so ein Mann bildende Künstler von Warhol bis Jeff Koons, eingebettet in ihre Werke, analytisch und sensibel ver-sinn-bildlichte, ist nur logisch.

Bis 28.5.2006, Tel. 089/ 23 32 29 48

Katalog, Schirmer/ Mosel: 29,80 Euro.

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