Geschichtlich orientierungslose Jugend

- Der Generaldirektor des Deutschen Historischen Museums, Hans Ottomeyer, hat einen eklatanten Mangel an Geschichtswissen bei der jungen Generation beklagt. Mit der neuen Dauerausstellung seines Museums, die heute von Bundeskanzlerin Angela Merkel eröffnet wird, solle über 2000 Jahre deutscher Geschichte informiert werden.

Welches Ziel verfolgen Sie mit der Ausstellung?

Hans Ottomeyer: Wir wollen einen Bereich, in dem man Deutsch sprach, in einem großen Panorama zur Darstellung bringen. Wir haben uns vorgenommen, diese Geschichte im europäischen Zusammenhang zu erörtern. Das heißt, dass sehr häufig auch die Geschichte unserer Nachbarn unsere Geschichte ist. Dies ist eine Geschichte, die geprägt war von dramatischen Kriegen und lang anhaltenden Friedenszeiten. Wir versuchen aufzuzeigen, mit welchen Strategien man Hass erzeugt und wie man Kriege vom Zaum bricht. Auf der anderen Seite zeigen wir, wie durch vernünftige Verträge die Grundlage für Wohlstand und für Friedenszeiten gelegt wurde, die eine nächste Generation oft sehr leichtfertig aufs Spiel setzte.

Was ist das Besondere an Ihrer Ausstellung?

Ottomeyer: Wir arbeiten fast ausschließlich mit Originalen und versuchen dezidiert zu zeigen, dass diese authentischen Zeugnisse eine Sprache sprechen, die sich im Kontext zueinander erschließt.

Ist das Museum ein Ort der Identitätsfindung?

Ottomeyer: Es ist ein Ort der Identitäten. Man kann sich hier orientieren über das, was unsere Sprache, was unsere Gedanken, was unsere Bilder von Geschichte ausmachen.

Sie arbeiten auch als Geschichtsprofessor. Haben Sie bei Ihren Studenten eine Verlust an Geschichtswissen beobachtet?

Ottomeyer: In Deutschland ist der Geschichtsunterricht seit 20 Jahren in der Mittel- und Unterstufe abgelegt. Es hat sich ein Zustand völliger Orientierungslosigkeit entwickelt, der uns unrühmlich unterscheidet von dem Allgemeinwissen, das junge Franzosen und Italiener haben. Wir als Museum können dem nicht abhelfen, aber wir können im Ansatz zeigen, das es auch anders geht, und dass es auch eine andere Geschichte gibt als die, die im 20. Jahrhundert ihre schreckliche Erfüllung fand.

Die Ausstellung verdeutlicht, dass regelmäßig alle paar Jahrzehnte auf Friedenszeiten Kriege folgten. Haben Sie Befürchtungen bezüglich der Zukunft?

Ottomeyer: Es ist frappant zu sehen, wie seit Beginn der Neuzeit Kriege und Revolutionen ausbrechen, wie dann um die Jahrhundertwenden herum Neuorientierungen erfolgen. Ich finde es schon bedenklich zu sehen, wie ein Karikaturenstreit entsteht oder wie religiöse Konflikte zu kriegerischen Auseinandersetzungen führen. Das betrifft momentan zwar nicht Europa. Aber was die Welt angeht: Der Rückfall in Religionskriege, das ist schon eine beängstigende Szenerie, die sich da aufbaut.

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