Geschnürte Taillen, rote Locken

Bernried - Leuchtend rot provozieren die Windmühlenflügel des "Moulin Rouge", leicht geschürzt präsentiert die Schöne im gelben Kleidchen auf einem Esel, was sie an Dekolleté zu bieten hat. 1889 wurde das Etablissement in Paris eröffnet, das seine Gäste mit Tänzerinnen mitten im Publikum überraschte. Jules Chéret schuf das Plakat zum Auftakt des berühmtesten aller Varietés.

Er schuf damit aber auch ein neues Kunstgenre: Vorher waren Lithographien reine Vervielfältigungstechnik, nun wurden die Steindrucke zum exklusiven Medium aus Künstlerhand. Henri de Toulouse-Lautrec, selbst begnadeter Künstler, sowie der Theaterunternehmer Charles Zidler ließen sich vor dem berühmten Werk Chérets ablichten und verschafften damit dem Plakat, dem französischen Savoir-vivre und seiner Kunst einen bleibenden Ruhm.

Mit den üppigen, auf Taille geschnürten Damen, den feuerroten Locken und dem floralen Dessin konnte man allerdings nicht immer etwas anfangen. Das Bauhaus prägte mit seinem funktionalen Stil den Geschmack bis in die Nachkriegsjahre. Was Lothar-Günther Buchheim aber in den 50er-Jahren nicht davon abhielt, die verschmähte Sammlung eines Freundes zu übernehmen. Dem dekadenten Charme des Jugendstils prophezeite er eine Renaissance - und er sollte Recht behalten. Die Poster der "Belle Epoque" von 1889-1905 begeistern jetzt im Bernrieder Museum nicht nur mit klingenden Namen. Vom Historismus über pralle Sinnlichkeit bis zu reduzierten Kontrasten reichen die Werbe-Ideen.

Chéret brachte mit seinen routinierten Riesenformaten Farbe in die Pariser Straßen. Andere wie Théophile Steinlen mit seiner Illustration zu einem Roman über Mädchenhandel erregten Ärgernis. Besten Stil offeriert Emmanuel Orazi, der 1900 zur Weltausstellung teuerstes Kunsthandwerk samt einer elegischen Dame für die Galerie "La Maison moderne" entwarf. Edel ist auch Pierre Bonnards Zeitschriften-Werbung in feinen Grautönen. Die Krönung aller Plakatkunst aber dürfte Toulouse-Lautrec sein: Seine Café-Werbung "Divan Japonais" mit der famosen Tänzerin Yvette vor dem Orchestergraben ist Charakter- und Milieustudie - ein Vorreiter psychologisierender Zielgruppen-Werbung. Lautrecs achtfarbiges Porträt der Mademoiselle Lender sorgte damals in der Zeitschrift Pan für einen Skandal und den Rausschmiss zweier Redakteure - heute sorgen ergänzende Originalgrafiken aus den Heften für den zarten Abschluss einer fulminanten Ausstellung.

Bis 30. März, Katalog 9,90 Euro; Infos: 08158/ 99 700.

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